Und draußen tobt der Advent – zum Lesen und zum Nachdenken

Anton Hötzelsperger —  3. Dezember 2014

Heinz Bayer. Foto: Andreas Kolarik, 25.09.08Keine Panik: Der Lärm vor Ihrer Tür ist nur die stillste Zeit im Jahr
-von Lokal-Patriot Heinz Bayer und von den Salzburger Nachrichten-
Aber hallo, Sie glauben, auch so zu sein? Sie haben ganz innen drinnen diese starke Empfindung? Und – Sie sind sich darüber seit Jahren relativ sicher? Dann lassen Sie es einfach heraus, dieses Gefühl! Ich gehe mit gutem Beispiel voran und gestehe hier und heute ganz unumwunden, in Form eines ganz persönlichen Outings: Ich bin retro. Und ich fühle mich gut dabei. Speziell in dieser einen Angelegenheit. Denn, was soll ich tun? Ich mag ihn einfach, den Advent. Und ich mag Weihnachten.

Aber, damit kein Missverständnis entsteht: Ich mag diesen Advent und dieses Weihnachten, wie es früher war. Bevor Weihnachten zur Castingshow von „Shopping Queen“ mutierte und der Nikolaustag zu Fortsetzung von Halloween mit Santa wurde. Es ist noch nicht so lange her, da war keine Höllenshow notwendig am Krampustag. Er fand nicht schon Wochen zuvor, am lauschigen Parkplatz hinter dem Supermarkt statt. Da mussten keine bengalischen Feuer brennen. Es mussten sich keine erwachsenen Männer ab Anfang November wie Orks verkleiden, um bei der „Devils Show“ und lautem Musik-Gedröhne auf Freizeit-Satan zu machen. Da waren diese Devils noch ganz normale Kramperl. Da genügte das entfernte, leise Rasseln einer Kette in der Dunkelheit – und das Gruseln war perfekt, die schützende Hand vom Papa oder der Mamaber nicht weit. Das ließ Raum für ganz viel Fantasie.

Heute funktioniert Gruseln anders. Selbst am helllichten Tag. Auf der Suche nach einer Gartenschere fand ich mich erst jüngst im Baumarkt in der Rocky- Horror-Kripperl-Show wieder – und empfand es als Gnade, nicht mehr ganz jung zu sein. Denn, bei all diesem Weihnachts- und Advent-Krempel der da herumlag, stellte sich mir die Frage: Wie erklärt man eigentlich Kindern, dass Weihnachten doch auch mit Geheimnissen zu tun hat? Wie bekommt man das hin, wenn alles, was man gar nicht braucht, schon Wochen vor Weihnachten als Schnäppchen zu haben ist? Und wie bekommt man die Kurve und erklärt glaubhaft, dass es sich um einen Irrtum handeln muss, weil im WC des Kaffeehauses schon Mitte November „Leise rieselt der Schnee“ erklingt? Der Erzabt des Stiftes St. Peter, Korbinian Birnbacher, wohnhaft in der Salzburger Innenstadt, ist praktisch umzingelt vom Advent. Widerstand ist zwecklos. Flucht unmöglich. Er lebt im Auge des Orkans. Birnbacher sagte neulich diesen schönen Satz: „Es tobt der Advent!“ Tatsache ist: Er tobt in Fußgängerzonen. In Geschäften. In Supermärkten. Draußen vor der Tür. Die lässt sich aber zumachen. Und dann wird es womöglich daheim nett und heimelig. Total retro halt. Super!

HEINZ.BAYER@SALZBURG.COM
Quelle: Salzburger Nachrichten

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg