Häuser mit Stroh – ein Weg in die Zukunft

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) hätte sich wohlgefühlt im Kreise der Seminar-Teilnehmer der Internationalen Fachtagung des Fachverbandes Strohballenbau Deutschland (FASBA) e. V. in Grainau bei Garmisch Partenkirchen – eine Foto-Reportage von Wolfgang Dietzen aus Frasdorf-Stupfa.

„Zurück zur Natur“ („« Retour à la nature! », ihm im Zusammenhang mit seinem Erziehungsroman Émile oder über die Erziehung (Émile, ou de l’éducation) zugeschrieben) wurde hier auf einen zeitgemäßen Punkt gebracht. Das Seminarhaus war für die drei Seminartage vom 14. bis 16. Oktober 2016 bis auf den letzten Platz gefüllt. Als „Zurück zur Natur“ für Zündstoff in den Gelehrten-Kreisen seiner Zeit sorgten, hätte sicher niemand gedacht, wie brand-aktuell der Spruch 250 Jahre später sein würde.

Das Seminarhaus der Jungbauern- und Jungbäuerinnen in Grainau war an den drei Tagen bis auf den letzten Platz belegt. Die Seminarteilnehmer aus Italien, Österreich, Frankreich, Polen, der Schweiz, Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern wurden von den Vorstandsmitgliedern des FASBA Sissi Hein und Dirk Scharmer mit viel Charm und kurzweilig durch das vielfältige Programm geführt. Der internationale Charakter zeigte sich dann auch bei zahlreichen Vorträgen über Projekte aus diesen Ländern. Was etwa in der Schweiz erlaubt ist, kann man in Deutschland nicht realisieren. So konnte der Schweizer Architekt Werner Schmidt dann auch eine stattliche Zahl sehr gelungener Strohballenbauten – nicht ohne sein überlegenes Schmunzeln ganz verbergen zu können – eindrucksvoll präsentieren. Kein Wunder, dass in Deutschland daher viel weniger Strohballenhäuser gebaut worden sind, als etwa in Frankreich, das derzeit mit etwa 5000 gebauten Strohhäusern die Liste anführt. Dennoch: der Erfahrungsaustausch zwischen den Ländern, der von den nationalen, in Grainau anwesenden Verbänden stark gefördert wird, hat zu einer deutlichen Verbesserung der Situationen in den einzelnen Ländern geführt. Der Strohballenbau ist in Europa inzwischen aus den Kinderschuhen heraus und eine von vielen Antworten auf die Fragen, die in der Weltklimakonferenz von Paris in diesem Jahr gestellt worden sind. So stellen sich heute nicht mehr die Fragen nach dem Baustoff Stroh, sondern vielmehr technische und juristische Fragen im Zusammenhang mit den baurechtlichen Bestimmungen in den verschiedenen Ländern der EU.

In seinem ausdrucksstarken Vortrag „Vom Experimentellen Bauen zum Mainstream“ konnte der deutsche Uni.-Prof. em. Dr.-Ing. Gernot Minke die Tagungsteilnehmer in die eindrucksvolle Entwicklung „von den Anfängen bis heute“ mitnehmen.

Seit etwa zehn Jahren zeigte sich das auch in nationalen Wettbewerben, in denen Strohhäuser erste und zweite Preise errangen. Das beste Beispiel ist für Deutschland das „Trierer Strohhaus“ von Peter Weber aus Trier, das im Jahr 2006 den Bundespreis ENERGIE-SPARMEISTER 2006 (Verleihung in Berlin am 6. Juni 2006) erhielt. In Italien haben die Strohhäuser am Esserhof in Lana südlich von Meran/ Südtirol von Werner Schmidt und Margaretha Schwarz das Rennen gemacht. Ihnen wurde beim Südtiroler Architekturpreis 2007 die Silbermedaille zugesprochen. Zurecht: bei den Urlaubern in der Region gelten die Strohhäuser am Esserhof als Geheimtip.

Ein besonderes Thema der Tagung war auch, wie sich die Akteure in Europa noch besser vernetzen können und wie vor allem erreicht werden kann, dass die Ausbildung von genügend, qualifizierten Handwerkern, entsprechend der Nachfrage, organisiert werden kann.

Über die Herausforderungen der Zukunft herrschte bei den Teilnehmern der Tagung eine große Übereinstimmung.

In besonderer Weise stellen sich den Fachverbänden sowie den Handwerkern und Architekten folgende Aufgaben:

• die Bürger davon zu überzeugen, dass sich mit Strohballen auf einfache Weise hochwärmegedämmte, gesunde und umweltfreundliche Wohnhäuser errichten lassen;

• angehenden Bauherren die Bauweisen mit Holz, Lehm und Stroh für alle Häusertypen näher zu bringen;

• die Bürger darüber aufzuklären, dass lebendige Architektur dadurch entsteht, wenn Häuser in Beziehung treten zur Natur, zu anderen Gebäuden und vor allem zu den Menschen;

• den Bürgern zu vermitteln, dass die Herausforderung darin besteht, die Nutzung, die Konstruktion, die Gestaltung, die Lebendigkeit und die Ökologie in der Planung unter einen Hut zu bringen;

Für die baurechtliche Anerkennung in Deutschland sollten die Bürger wissen: Strohballen sind in Deutschland seit 2006 als Dämmstoff bauaufsichtlich zugelassen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit für jedes Bauvorhaben eine Zustimmung im Einzelfall zu beantragen, was im Regelfall auch funktioniert.

Eine Erkenntnis der Tagung war auch, dass der Bereich Marketing für Strohballenbau noch über ein erhebliches Ausbaupotenzial verfügt. Dies wurde vor allem sehr überzeugend von dem österreichischen Strohballenbau-Unternehmer Herbert Gruber in seinem Vortrag angesprochen.

Ohne wenn und aber lässt sich sagen: die Internationale Fachtagung des Fachverbandes Strohballenbau Deutschland (FASBA) e. V. in Grainau bei Garmisch Partenkirchen kann als rundum gelungen angesehen werden.

Weitere Informationen über den Strohballenbau und zukünftige Veranstaltungen finden Sie unter:

http://fasba.de/de/aktuelles/

Bericht und Fotos: Dipl.-Forstwirt Wolfgang Dietzen

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg