Gustav-Mahler-Musikwochen in Toblach 2015

Gustav Mahler – Jude und heimatlos

Die 35. Gustav-Mahler-Musikwochen (18. – 30.7.) sind dieses Jahr dem Thema „Das Judentum und der Antisemitismus zur Zeit Gustav Mahlers“ gewidmet und welche Auswirkung es auf das Musikschaffen des großen böhmischen Komponisten hatte.Gustav Mahler war Jude und war deshalb als Komponist und als Mensch großen Anfeindungen ausgesetzt, was zu seiner Isolation und Fremdheit in der Welt geführt hat. Er selbst hat diese Fremdheit mit dem berühmten Satz auf den Punkt gebracht: „Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der Welt. Überall ist man Eindringling, nirgends erwünscht.“
Stand letztes Jahr Alma Mahler und das Bild der Frau im Wien um 1900 im Vordergrund, so sind 2015 dem Thema des Semitismus und Antisemitismus eine Reihe hochkarätiger Vorträge gewidmet, für die Hubert Stuppner verantwortlich zeichnet. Der wohl bekannteste Gegenwartsphilosoph Peter Sloterdijk wird dabei den philosophischen und religiösen Wurzeln des Antisemitismus nachgehen und bei Jesus beginnen, der nach der Meinung von Sloterdijk als erster mit dem Judentum gebrochen hat und die Legitimation der neuen Religion bei Gottvater im Himmel gesucht hat. Dr. Manfred Osten, deutscher Humanist und früherer Generalsekretär der Alexander von Humbold-Stiftung spricht mit Prof. Peter Sloterdijk über sein neuestes Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Gespannt sein können wir auf die anschliessende Diskussionsrunde. Der Mahler-und Karl Kraus- Biograph Jens Malte Fischer wird die Genese des österreichischen Antisemitismus und Gustav Mahler beleuchten, Angelo Foletto, Musikkritiker der „La Repubblica“, wird dem spezifisch Jüdischen in Mahlers Musik nachgehen, während der bekannte Musikwissenschaftler Enzo Restagno über das Jüdische bei Schönberg sprechen wird. Der junge israelische Komponist Yoel Gamzou, Chefdirigent des „Internationalen Gustav Mahler-Orchesters Berlin“ wird seine Rekonstruktion der unvollendeten 10. Symphonie  Mahlers und seine Vision des spezifisch Jüdischen vorstellen. Am 25.7. setzt sich Sybille Werner, eine der wenigen Frauen mit Dirigentenerfahrung, mit der vergessenen Mahler-Rezeption vor 1960 auseinander. Den Abschluss des wissenschaftlichen Programms am 25.7. bildet der renommierte Schallplattenpreis „Toblacher Komponierhäuschen“, der unter der bewährten Leitung von Attila Csampai steht und 2015 sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Mit Mahlers Sinfonie Nr. 1, auch “Der Titan” genannt, werden dieses Jahr am 18.7. die 35. Gustav-Mahler-Musikwochen eröffnet. Cristian Mandeal dirigiert das Romanian National Symphony Orchestra, das zum ersten Mal unter diesem Namen auftritt. Weiters erklingen George Enescus Rumänische Rhapsodie in A-Dur op 11 Nr. 1 und Richard Strauss’ Burleske in d-moll (Klaviersolistin Oxana Corjos). Am Sonntag 19.7. steht im Spiegelsaal des Grand Hotel eine Matinee auf dem Programm – Erwin Windegger liest aus den Liebes-Briefen Gustav Mahlers an Anna von Mildenburg; Julia Aichner (Sopran) und Elisa Wallnöfer (Klavier) umrahmen die Lesung musikalisch mit Fritz Kreislers-Sergej Rachmaninoffs: „Liebesleid & Liebesfreud“, Liedern von Gustav Mahler und Franz Liszts 3. Liebestraum.
Fortgeführt wird das Musikprogramm, für das Josef Lanz verantwortlich zeichnet, am Sonntag Abend mit einem Recital des ungarischen Violoncellisten István Várdai, am Klavier begleitet von Nelson Goerner. Sie geben Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen in der Bearbeitung von István Várdai, Schostakowitschs Sonate für Violoncello und Klavier op.40 sowie César Francks Sonate für Violoncello und Klavier in A-Dur zum Besten. In Zusammenarbeit mit dem Festival zeitgenössischer Musik interpretiert das Quartetto Prometeo am 20.7. Streichquartette von Alexander Zemlinsky, Arnold Schönberg, György Kurtag. Am 21.7. folgt ein Klavierabend mit Matan Porat. Der in Berlin lebende israelische Pianist und Komponist präsentiert Werke von Leóš Janáček (Sonate 1.X.1905) und Béla Bartók (14 Bagatellen op. 6) sowie Claude Debussys Suite Bergamasque und ein Eigenarrangement von Gustav Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie. Ein besonderer Höhepunkt des Toblacher Festivals verspricht das Konzert mit dem Leipziger Streichquartett und der litauischen Sopranistin Viktorija Kaminskaite zu werden. Im Konzertprogramm: Richard Wagners Siegfried-Idyll (bearb. für Quartett), Gustav Mahlers Kindertotenlieder (Bearb. für Sopran und Streichquartett von Ivo Bauer) und Ludwig van Beethovens Streichquartett op.132 „Dankgesang“. Am 23.7. folgt ein Konzert mit der Streicherakademie Bozen unter der Leitung von Georg Egger und der Sopranistin Johanna Winkel. Auf dem Programm stehen Werke von Mozart (Divertimento in D-Dur KV 205 sowie die beiden Konzertarien „Alma grande e nobil cor“ und „Bella mia fiamma“), Mendelssohns Marienantiphon „Ave maris stella“ und die Sinfonie in g-Moll des bei uns wenig bekannten Komponisten Franz Antonio Rosetti. Gespannt sein kann man auf das US-amerikanische Vokalensemble Chanticleer, laut dem Magazin „The New Yorker“ der beste Männerchor der Welt – Motto des außergewöhnlichen Konzertabends „The Gypsy in My Soul“. Das Konzert findet in Zusammenarbeit mit der Brixner Initiative Musik und Kirche am 24.7. in Toblach und am 25.7. in Brixen (spanische Renaissancemusik) statt.
Das Konzert am 26.7. abends mit dem Ensemble Birds of Vienna ist zur Gänze Franz Schubert gewidmet und am 27.7. ist das Haydnorchester von Bozen und Trient mit seinem Chefdirigenten Arvo Volmer zu Gast. Dargeboten werden Werke von Jean Sibelius (Pelléas et Mélisande, Suite op. 46), Igor Strawinsky (Pulcinella, Suite) und Sergej Prokofiew (Sinfonietta op. 5/48).
Mit gleich zwei Konzerten findet in diesem Jahr erstmals eine Zusammenarbeit mit der Gustav Mahler Akademie Bozen statt: am 25.7. steht ein Robert Schumann gewidmeter Kammermusikabend  – Klavierquartett in Es-Dur, op. 47, und das Klavierquintett in Es-Dur, op. 44 – auf dem Programm und 30.7. klingen die 35. Gustav-Mahler-Musikwochen mit dem Orchester der Gustav Mahler Akademie aus. Daniel Harding, bereits zum dritten Mal beim Toblacher Mahler-Festival zu Gast, dirigiert die Sinfonie Nr. 2 in C-Dur op. 61. und das Konzert für Violoncello und Orchester in a-Moll (Solist  Clemens Hagen) von Robert Schumann.

Wie bereits 2013 und 2014  gibt es auch in diesem Jahr wieder ein Kooperationsprojekt mit den Festspielen Südtirol, und zwar das Konzert am 06.08.2015 mit dem Bayerischen Landesjugendorchester unter der Leitung von Simon Gaudenz (Solist: Andreas Martin Hofmeir). Auf dem Programm: Mussorgskis Nacht auf dem kahlen Berge, und Strauss’ imposante Alpensinfonie.

Eine von Hubert Stuppner kuratierte Ausstellung zum Antisemitismus im Wien um 1900, die im Foyer des Kulturzentrums Grand Hotel eingerichtet ist, wird das Thema abrunden.

Fotos:
Max Verdoes – Konzert im Gustav-Mahler-Saal mit dem Landesjugendorchester Rheinland Pfalz
Max Verdoes – Nachtaufnahme des Kulturzentrum Grand Hotel, in dem sich der Gustav-Mahler-Saal befindet
Grand Hotel – Aussen-Aufnahme
Kompüonierhäuschen in Altschluderbach bei Toblach. Hier schrieb Mahler in den Sommermonaten 1908-1910 das Lied von der Erde, die Neunte und unvollständige 10. Sinfonie.

 

Rainer Nitzsche

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