Erinnerungen an Anna Bogenhauser vom Samerberg – mit 98 Jahren verstorben

Anton Hötzelsperger —  18. August 2014

1AnnaBogenhauserIm hohen Alter von 98 Jahren ist Anna Bogenhauser aus Törwang in der Gemeinde Samerberg verstorben. Die 98jährige war schon als zwölfjähriges Mädchen dabei, als 1928 die Omnibus-Linie Rosenheim-Samerberg eröffnet wurde. Später wurde sie durch Heirat mit den Aufgaben eines Taxi- und Busunternehmens sowie mit Reisebüro- und Zimmervermittlungsaufgaben für den Samerberg betraut.

Eine Trauerandacht beginnt am Dienstag, 19. August um 19 Uhr in der Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“ in Törwang, das Requiem mit Beerdigung ist am Mittwoch, 20. August ab 14 Uhr.

Anlässlich ihres 95. Geburtstages erzählte Anna Bogenhauser aus ihrem Leben mit dem Tourismus auf dem Samerberg. Nachfolgend der damalige Artikel mit der rüstigen Rentnerin, die auch noch im hohen Alter aktiv am gesellschaftlichen Leben auf dem Samerberg teilnahm.

Anna Bogenhauser von Törwang erinnert sich an die Anfänge des Fremdenverkehrs auf dem Samerberg– vom Nachkriegs-Auto zum Omnibusunternehmen – Pionierarbeit für den Tourismus

Samerberg (hö) – Der Samerberg war immer schon ein reizvolles Ausflugsziel. Über die Anfänge des Fremdenverkehrs kann am Besten die rüstige Anna Bogenhauser aus Törwang berichten. Die 95jährige war schon als zwölfjähriges Mädchen dabei, als 1928 die Omnibus-Linie Rosenheim-Samerberg eröffnet wurde. Später wurde sie durch Heirat mit den Aufgaben eines Taxi- und Busunternehmens sowie mit Reisebüro- und Zimmervermittlungsaufgaben betraut. Bis heute spürt der Samerberg die wohltuenden Tourismus-Pionier-Tätigkeiten der Familie Bogenhauser.

Anna Bogenhauser kam 1916 in Törwang zur Welt, im zehn Jahre zuvor von ihren Eltern erbauten Haus wuchs sie mit zwei Schwestern und vier Brüdern auf. Noch heute lebt die rüstige Anna Bogenhauser in ihrem Geburtshaus und versorgt sich eigenständig. Ihr Vater Lorenz Rieder war ein Schneidermeister und ein Postler, der die postalischen Amtsgeschäfte vom ursprünglichen „Wimmerhaus“ (heute Cafe Mangst) ab 1906 ins neu erbaute Haus holte. 1919 wurde Lorenz Rieder Bürgermeister von Törwang. „Sein erste große Aufgabe war die Organisation von Dachplatten nach einem schlimmen Hagelunwetter“, so Anna Bogenhauser in ihren Erinnerungen. 1934 gab ihr Vater das Bürgermeisteramt ab, weil er mit dem Geist des Dritten Reichs nicht mitmachen wollte (ihm folgte der junge Bürgermeister Kilian Troßbach). Die erste Berührung mit dem Fremdenverkehr war für Anna Bogenhauser, als sie 1928 bei der Eröffnung der Omnibuslinie die Honoratioren von Landkreis und Regierung mit einem Festgedicht begrüßen konnte. Ihre ersten beruflichen Tätigkeiten erfolgten in der Raiffeisenkasse mit Lagerhaus. Wie zu damaliger Zeit üblich, musste auch Anna Bogenhauser 1924/1925 ein so genanntes „Landjahr“ leisten. Sie kam zum Thalerhof bei Steinkirchen, die Arbeit war hart, zuweilen musste um 3 Uhr in der Früh zur Feldarbeit aufgestanden werden. Im Monat bekam die Magd 8 Mark, so dass ihr zum Abschluss des Jahres ganze 96 Mark ausgezahlt wurden. Dieser Lohn wurde gleich zur Raiffeisenkasse gebracht. „Dort war während der Kriegszeiten jeder Krautkopf und jede Kartoffel umkämpft, wenn ich für die Ärmsten etwas beiseite schaffen konnte, erfüllte mich dies mit besonderer Freude“, weiß Anna Bogenhauser von ihrer Raiffeisenzeit zu berichten.

Mit der Hochzeit 1949 änderte sich das Leben von Anna Bogenhauser. Ihr Ehemann kam von Oberleiten in der Gemeinde Steinkirchen. Dieser hatte ein in Oberstuff verbliebenes Auto aus der Nachkriegs- und Besatzungszeit in die Ehe mitgebracht. Nachdem in Oberleiten (beim Riepl-Bauern) immer schon Gäste beherbergt wurden, war für Schorsch Bogenhauser klar, das Mitgift-Auto für einen zukünftigen Erwerb einzusetzen. Als Kind war er schon oft dabei, als er mit dem Leiterwagen die Sommerfrischler von der damaligen Bahnstation Achenmühle abholte und zum Quartier in Oberleiten brachte. Nach der Hochzeit war Georg Bogenhauser rühriger und umsichtiger Vorstand des Femdenverkehrsvereins, seine Ehefrau Anna übernahm die schriftlichen Arbeiten. Aufgrund von Kontakten zu Reisebüros in Berlin und in Köln kam es zu immer mehr organisierten Gästen. Mit dem Auto wurden die neuen Gäste in Rosenheim abgeholt. Schon bald erwarb Bogenhauser einen VW-Bus mit acht Sitzgelegenheiten. Bis zur Gebietsreform auf dem Samerberg im Jahr 1972, als sich die bis dahin selbstständigen Gemeinden Grainbach, Törwang, Rossholzen und Steinkirchen freiwillig zur Gemeinde Samerberg zusammenschlossen, übernahm die Familie Bogenhauser die komplette Quartiereinteilung für die Gemeinde Törwang. Nach der Gebietsreform wurde diese Aufgabe an Inge Kunz übertragen, die mit Unterstützung ihres Ehemannes Harry diese Tätigkeit lange und ebenfalls mit großem Engagement ausübte.

98 Pfennige für Übernachtung mit Frühstück

98 Pfennige für Übernachtung mit Frühstück wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Samerberg bezahlt, bei Vollpension waren es etwa vier bis fünf Mark. „Damals gab es für ein Kalb gut 50 Mark, oft hatten die Leute nicht einmal das Geld zum Brot-Kauf“, weiß Anna Bogenhauser zu berichten. Doch die karge Zeit änderte sich bald zu besseren Zeiten. Aufgrund der wachsenden Gäste- und Ausflugsnachfrage wurde ein Bus mit zehn Sitzplätzen gekauft, die regelmäßigen Fahrten „Rund um den Samerberg“ mit Kaffeepause beim „Duftbräu“ und mit Schnapserl-Proben beim Steiner in Anker waren immer ausgebucht. So wurde ein weiterer Bus mit 20 Plätzen angeschafft, mit diesem und dem anderen Kleinbus ging es vielfach an den Chiemsee. Das Wochenprogramm der Busunternehmer führte alsdann weiter nach Berchtesgaden, Rund um das Kaisergebirge, nach Kufstein, nach Reit im Winkl, zum Großglockner oder nach Altötting. Von einem Aufenthalt ihres Mannes in Altötting weiß Anna Bogenhauser eine nette Begebenheit: „Mein Mann Schorsch ging gerne auswärts zum Beichten. Als er einmal in Altötting fertig war mit dem Beichtgespräch, fragte ihn der Pater, was es Neues auf dem Samerberg gebe“. Der Pater war oft bei den Schwestern in Weikersing auf Urlaub – für ihn waren die Ausflugsfahrten mit dem stets gut aufgelegten „Bogenhauser Schorsch“ die schönsten Erlebnisse. Verständlich, dass es dem ansonsten sehr gesprächigen Busfahrer im Altöttinger Beichtstuhl fast die Sprache verschlug.

Im Jahr 1961 bekam die Firma Bogenhauser einen ersten großen Bus und sie übernahm von Georg Weyerer die vormalige Post-Bus-Linie Rosenheim-Roßholzen. Helmut Rieder, ein Neffe von Anna Bogenhauser (ebenso wie Georg Bogenhauser beruflich ein Schneider), übernahm 1980 das Busunternehmen in Törwang. Heute wird es von dessen Sohn Bernd und seiner Familie geführt. 1991 verstarb Georg Bogenhauser an einer vom Krieg erwirkten Krankheit.

Anna Bogenhauser ist auch heute noch im hohen Alter aktiv am Gesellschaftsleben auf dem Samerberg beteiligt. 70 Jahre gehörte sie dem Kirchenchor an, zudem hat sie bis heute reges Interesse am Vereinsgeschehen sowie im kirchlichen und im sozialen Bereich. Mit Freude und Stolz erfüllt es sie, dass die unternehmerischen Leistungen von ihrem Ehemann und von ihr selbst über die Generationen und zum Wohle des Samerbergs weitergegeben werden konnten.

Anton Hötzelsperger

Fotos/Repros: alte Bilder vom Busunternehmen sowie von Georg und Anna Bogenhauser sowie von Anna Bogenhauser bei ihrem 95. Geburtstag mit Bürgermeister Georg Huber

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg