Startplatz-Sanierung auf der Hochries – ein Erfahrungsbericht

Wie bei den meisten anderen Gleitschirmflieger-Clubs oder Vereinen war über viele Jahre hinweg die Erhaltung und Pflege des Fluggeländes, insbesondere der Startplätze, für den GSC Hochries-Samerberg eine der wichtigen Hauptaufgaben – in finanzieller wie auch in organisatorischer Hinsicht. Doch welcher Clubbeauftragte für die Erhaltung von Startplätzen kennt das Problem nicht, dass die Anzahl der Helfer, die mit eigener Kraft und ihrer Zeit bei der Pflege der Startplätze mithelfen, von Jahr zu Jahr oft eher ab wie zunimmt?
Zudem war auf dem Weststartgelände der Hochries in den letzten Jahren eine sich deutlich abzeichnende Beschleunigung der Erosion zu beobachten. Fachleute kennen den Effekt: Sind erst einmal die Steine freigewaschen, ist die zerstörerische Kraft des Wassers kaum mehr aufzuhalten.

Das bisherige Konzept der Sanierung war gut!
Ohne Frage waren die Sanierungsmaßnahmen an der Hochries über viele Jahre hinweg erfolgreich. Wie in vielen Fluggeländen wurden alle 2-3 Jahre in einer gemeinsamen Aktion die tiefsten Löcher aufgefüllt, Kokosmatten aufgelegt und mit Stahlstiften etwas befestigt. Der anschließend aufgebrachte Grassamen konnte halbwegs geschützt aufgehen und schon nach einem Jahr war wenigstens ein großer Teil der bearbeiteten Fläche auch grün. Die Vorteile dieser Sanierungsart liegen auf der Hand: Kokos ist ein langsam verrottendes Naturprodukt und weder die Grundbesitzer, noch Alpenverein, Naturschutzbehörden oder andere Behörden haben in der Regel etwas gegen diese Art der Sanierung. Zudem ist die Anbringung einfach, und der Hauptvorteil: Die Matten bieten auch bei Nässe einen perfekten Gripp für das übliche Schuhwerk der Flieger!

Warum also neue Wege der Sanierung?
Am nach nordwest-geneigten Startplatz der Hochries wurden die Sanierungsmaßnamen alle drei Jahre durchgeführt. Die Verrottung der Matten war aber in all der Zeit vor allem im zweiten Winter so stark, dass im Frühjahr die durchfeuchtete Erde, die Schneereste und das noch fehlende frische Gras die Trittbelastung der Flieger nicht kompensieren konnten. In den Monaten April-Juni (eines jeden dritten Jahres nach der Sanierung) wurden die Matten dabei in großen Teilen zerstört. Der Boden war wieder ungeschützt dem Regen ausgeliefert. Über einen Zeitraum von 11 Jahren und vier Sanierungsmaßnahmen in dieser Zeit verlor der Startplatz West an der Hochries auf einer großen Fläche Bodenmaterial in einer Stärke/Höhe von bis zu 20 cm. Ein schleichender Prozess – aber ein Prozess mit Konsequenzen. Die vielen freigelegten Steine beschleunigten den zerstörerischen Teufelskreis auch für die Haltbarkeit der Matten. Außerdem wurde die Befestigung mit Eisenhaken im steinigen Boden Jahr für Jahr mühsamer, sie lösten sich zudem schon nach kurzer Zeit aus dem Boden heraus.

Die Frage, ob es überhaupt andere Ansätze und Lösungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Sanierung gibt, wurde auch im GSC Hochries-Samerberg intensiv diskutiert. Grundsätzlich war aber die Erkenntnis gereift, dass die herkömmlichen Maßnahmen langfristig nicht mehr helfen, – und dadurch das Startgelände an sich gefährdet sein könnte.

Der Startschuss
Ein Hinweis und ein Angebot der DAV-Sektion Rosenheim brachten den endgültigen Stein für ein umfangreiches Sanierungsprojekt ins Rollen! Die Hochriesbahn GmbH sowie die DAV-Sektion Rosenheim brachten ein eigenes Projekt auf dem Hochriesgipfel auf den Weg. Mit Hilfe eines kleinen Baggers, speziellen Transportmaschinen und Unmengen von Schotter, Steinen und Sandkies wurde der ca. 400 Meter lange Wanderweg von der Gipfelstation der Hochriesbahn hinauf zum Gipfelhaus der Hochries komplett saniert.
Die Gelegenheit: Ein Mini-Bagger auf dem Gipfel der Hochries!
Auf diese Chance wurde der Club durch den Schatzmeister und Vorstand der DAV-Sektion Rosenheim hinsichtlich einer eventuellen Nutzung für eine Startplatzsanierung hingewiesen. Die monatelangen Recherchearbeiten hinsichtlich neuen Materials, Möglichkeiten von Hangbefestigungen, sowie Möglichkeiten einer Geländeeinebnung bekamen nun von unerwarteter Seite Rückenwind. Diese Chance wollte sich der Club nicht entgehen lassen. In einem planerischen Endspurt von nur zwei Monaten konnten alle notwendigen Ortstermine wahrgenommen und Gespräche geführt werden, sowie die erforderlichen Genehmigungen der Grundbesitzer und der Naturschutzbehörde eingeholt werden. Dann wurde das Material bestellt.

Die Sanierung
Der Baggerfahrer war ein Künstler! Noch heute staunt man angesichts der Felsen im Weg, die ein Erreichen des Weststarts für einen Bagger unmöglich erscheinen lassen. Nach nur vier Stunden Baggerarbeit waren die gröbsten Löcher aufgefüllt, große Steine entfernt und ganze Mulden breitflächig der Hangneigung angeglichen.
Am selben Tag schafften 10 fleißige Helfer fast 6 Tonnen Material (Rasenschutznetze, Kokosmatten, Befestigungshaken, Erde, usw.) mit der Hochriesbahn und der Materialbahn der Hochries-Hütte bis zum Startplatz. Die Unterstützung durch den DAV Sektion Rosenheim, der Hochriesbahn GmbH, sowie durch die Wirtsleute der DAV-Hütte war dabei die Basis für ein Gelingen des Projektes.

Eine Woche später konnte der Club mit Unterstützung des örtlichen Drachenfliegerclubs (DFC-Hochries) an einem sonnigen Samstag einen Rekord verbuchen. Über 80 (!) hochmotivierte Helfer, die per Mailing schon im Vorfeld über das Projekt informiert wurden, standen zum Teil schon morgens um 9 Uhr bereit und fuhren selbständig mit der ersten Bahn nach oben auf den Gipfel.
Nach einer kurzen Einweisung und der Einteilung von Gruppen wurden die Kokosmatten und Grasschutzmatten verlegt, mit Stahlstiften am Boden verankert, der Kantenschutz angebracht, sowie die Grassamen ausgebracht. Ein Teil der Helfer kümmerte sich zeitgleich sogar noch um den zweiten Startplatz in Richtung Norden und brachte dort ebenfalls Kokosmatten auf. Trotz ausgiebigem Mittagessen für alle Helfer auf der Hochrieshütte und das eine oder andere Fliegerbierchen zwischendurch wurden beide Startplätze pünktlich um 16 Uhr fertig. Gekrönt wurde die gemeinsame Sanierungsaktion durch einen musikalischen Beitrag mit Startplatzsanierungslied eines Clubfliegers mit Gesang und Quetschn.

Ein Jahr nach der Sanierung: War das neue Sanierungskonzept erfolgreich?
Überraschend war die Tatsache, dass das Gras mit ungeheurer Geschwindigkeit durch die Netzmatten wachsen konnte und schon nach zwei Monaten quasi eine grüne Wiese vorhanden war. Für das „Auge“ war die Sanierung schon einmal ein toller Erfolg. Allerdings war die Securatek-Rasenschutz-Matte rutschiger, als es bei Tests im Tal mit normalen Schuhen empfunden wurde. Das sollte eine wichtige Erkenntnis sein: Die von Fliegern oft genutzten Bergschuhe haben in der Regel harte Sohlen, die bei Nässe entsprechend rutschig sind. Weiches Sohlenmaterial wie z.B. bei Laufschuhen vorhanden war deutlich rutschfester. Dazu kam der Effekt, dass das junge, frische Gras eher fein und weich ist und den Rutscheffekt dadurch noch weiter verstärkte. Was tun? Die Hoffnung war nun, dass sich mit der Zeit eine festere Grasnarbe bilden würde und dadurch dieser Rutscheffekt gemindert würde.

Erfahrungswerte nach einem Jahr
Ziemlich genau ein Jahr nach dem Aussähen der Grassamen kann nun mit Erleichterung festgestellt werden, dass mit jeder Wachstumsphase das durchwachsende Gras deutlich dicker, fester und dadurch griffiger wird.
Die Hauptzielrichtung, das Gras vor der Trittbelastung komplett zu schützen und künftige Erosion zu verhindern, wurde zu 100 % erreicht. In Bezug auf den Gripp kann heute schon prognostiziert werden, dass der Unterschied zur Rutschfestigkeit vor der Sanierungsmaßnahmen spätestens im Sommer 2016 marginal sein wird. Schon damals war bei nassem Boden durch die zerstörte Grasnarbe im Zusammenhang mit Steinen und loser Erde so manche „Rutschpartie“ geboten. Ganz schlimm, wie auf Seife, war es im Frühjahr auf den letzten Schneeresten zu beobachten.

Ergebnis
Schon jetzt ist abzusehen, dass in weiteren 1-2 Jahren vom gesamten Rasenschutznetz kaum mehr etwas zu sehen sein wird! Zudem kann davon ausgegangen werden, dass eine sich stetig verfestigende und dicke Grasnarbe den Gripp weiter verbessern wird.

Weitere positive Effekte
– bei Nässe keine Verschmutzung der Schirmtücher mehr
– keine Leinenhänger wegen Steinen oder zerrissener Kokosmatten
– ebene Anlauffläche
– auf Jahre gesehen weniger bis keine Sanierungskosten mehr
– ggf. Wegfall der organisatorisch aufwendigen Sanierungsmaßnahmen für lange Zeit
– von Jahr zu Jahr eine automatische weitere Einebnung der Fläche durch „Eigenkompost“ (abgestorbenes Gras wird in die Mulden geschwemmt)
– selbst die Trittbelastung der Kühe konnten bis jetzt keine Schäden am Boden bzw. am Netz anrichten
Wichtige Vorarbeiten
– der Boden sollte keine größeren Mulden haben, da die Matten ansonsten federn
– das Anbringen von Kokosmatten unter den Rasenschutzmatten ist bei steilerem Gelände mit Sicherheit ratsam, um in der ersten Wachstumsphase ein Wegschwemmen der Grassamen zu verhindern
– Rindenmulch eignet sich nicht als Unterlage

Verwendetes Material
– Kokosmatten
– Securatek-Matten (Rasenschutznetz secu L – Rasenverstärkung (1800gr/gm), diese gibt es auch als 1000gr/qm-Version).
– Erde-Sand-Gemisch für die kleinen Mulden
– Stahlhaken mit einer Länge von 20 cm in zwei verschiedenen Stärken für die Kantenübergänge und für die Fläche

Fotos: GSC Hochries-Samerberg – Autor: Ulrich Kittelberger

Anton Hötzelsperger

Nachrichten

Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg