BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner zum Umzug der Blas- und Volksmusik zu BR Heimat

Ab Pfingsten greift beim Bayerischen Rundfunk eine Hörfunk-Reform, dessen Haupt-Punkt die Verlagerung aller Volksmusiksendungen auf den Digital-Kanal „BR Heimat“ ist, die traditionelle Volksmusiksendung von 19-20 Uhr ist dann nicht mehr auf Bayern 1 zu hören. Die Wellen schlagen hoch, aus diesem Grund haben wir einige Fragen an Hörfunkdirektor Martin Wagner gestellt.

Herr Wagner, der endgültige Umzug der Blas- und Volksmusik von Bayern 1 zu BR Heimat sorgt derzeit für viele Diskussionen. Hand aufs Herz: Haben Sie mit einem solchen Aufschrei gerechnet? Oder gibt es auch positive Rückmeldungen?

Antwort: Wir erleben beides. Seit dem Start von BR Heimat vor gut einem Jahr haben wir unzählige Zuschriften und Glückwünsche erhalten – Menschen, die sich freuen und würdigen, dass es mit BR Heimat jetzt ein 24-stündiges Vollprogramm für Volks- und Blasmusik sowie Geschichten aus und über Bayern gibt. Seit unserer Ankündigung, die Blas- und Volksmusik-Sendungen von Pfingsten an komplett auf BR Heimat auszustrahlen, melden sich freilich auch enttäuschte Hörerinnen und Hörer, denen der Umstieg Sorge macht. Der BR hat ein treues Publikum, das „seine“ Sendungen liebt und an ihnen hängt. Auch deshalb war es uns so wichtig, die Umstellung gut vorzubereiten und unsere Hörer damit nicht alleine zu lassen. Mit BR Heimat haben wir vor gut einem Jahr eine Alternative geschaffen. Ein Angebot, das – wie die Hörerzahlen und –reaktionen zeigen – sehr gut ankommt. Statt wie bisher nur eine knappe Stunde am Tag auf Bayern 1, bekommen die Volksmusikfreunde dort rund um die Uhr ihre Lieblingsmusik zu hören. Die Sendezeit für Blasmusikfreunde hat sich mit BR Heimat sogar mindestens vervierfacht.  Um den Hörern, die noch kein Digitalradio haben, den Umstieg zu erleichtern, werden wir das Thema intensiv in unseren Programmen begleiten und etwa technische Hilfestellung bieten, wie Tipps zum DAB+-Empfang und zur Nachrüstung von Geräten, oder Digitalradios verlosen.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, der Bayerische Rundfunk habe keinen Platz mehr für die bayerische Identität und Kultur und werde stattdessen zu einem austauschbaren Pop-Sender?

Wenn Sie auf Bayern 1 anspielen, dann trifft dies nicht zu: Bayern 1 ist und bleibt der Sender für bayerische Themen. Dort senden wir von 6.30 bis 17.30 Uhr jeweils zu vollen und halben Stunde Kurznachrichten aus fünf bayerischen Regionen. Von 12.05 Uhr an bringt Bayern 1 aus diesen Regionen jeweils eine einstündige Magazinsendung, und ab 17.05 Uhr folgt das zweistündige „Bayernmagazin“ mit Informationen und Berichten aus ganz Bayern. Und selbstverständlich wird auch in allen anderen Bayern 1-Sendungen immer wieder aus allen Regionen Bayerns berichtet. Ich finde, das ist eine ganze Menge Platz für bayerische Themen. Auch alle anderen Hörfunkprogramme des Bayerischen Rundfunks berichten immer wieder über Ereignisse in Bayern, etwa in der Bayern 2-regionalZeit oder im Bayern 3 Update, um nur einige Sendungen zu nennen. Auf Bayern 2 gibt es das Bayerische Feuilleton, die Sendung „Bayern – Land und Leute“, die Sendungen „Heimatsound“ und „Musik für Bayern“. Der BR zeigt Bayern in seiner ganzen Vielfalt und in allen Facetten. Der „Eigenart Bayern gerecht werden“ ist schließlich unser Auftrag und so im Rundfunkgesetz verankert.

Wie kam es zu der schnellen Entscheidung, nachdem BR Heimat erst seit einem Jahr zu empfangen ist? Wer trifft so eine Entscheidung überhaupt?

Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und die Argumente für und gegen diesen Schritt intensiv abgewogen. Zunächst galt es zu analysieren, wie BR Heimat angenommen wird. Hier fällt das Ergebnis eindeutig positiv aus: BR Heimat erreicht nach nur einem Jahr allein über DAB+ täglich mehr als 110 000 Hörerinnen und Hörer in Bayern und ist momentan das erfolgreichste Digitalprogramm des BR. Gleichzeitig berichten mir die Programmmacher von einer schwierigen Entwicklung bei Bayern 1: Danach hat die Welle innerhalb eines Jahres 100 000 Hörer verloren, im Markt liegt Bayern 1 aktuell nur noch auf Platz vier in der Kernzielgruppe. Eine Erklärung sind die Brüche im Musikformat, die das Programm derzeit enthält: Eine Stunde Volksmusik am Abend, umgeben von 23 Stunden Pop und Rock – das freut weder die Volksmusikfreunde noch die Liebhaber von Rock- und Popmusik. Vor diesem Hintergrund kann ich als Hörfunkdirektor nicht tatenlos zuschauen. Nach ausführlichen Beratungen und sorgfältigem Abwägen aller Argumente hat die Geschäftsleitung daher beschlossen zu handeln – freilich nicht, ohne vorausgehende enge Abstimmung mit den Betroffenen: Wir haben mehrere gute Gespräche mit den Volksmusik-, Blasmusik- und Brauchtumsverbänden geführt, die uns bei der Information ihrer Mitglieder eine enge Zusammenarbeit zugesagt haben. Der Umstieg wurde zudem bewusst auf das Pfingstwochenende gelegt, weil zu diesem Termin ein großes Volksmusiktreffen in Regen stattfindet („drumherum – das Volksmusikspektakel“). Das erscheint uns der geeignete Termin, um im Dialog mit unseren Partnern noch einmal Aufklärung über Digitalradio zu leisten und den Umstieg zu begleiten.

Warum werden nicht die „Hörer der Zukunft“ ins „Radio der Zukunft“ gelotst, sondern die zum Teil jahrzehntelangen Stammhörer?

Wir haben da eine interessante Beobachtung gemacht, die Ihrer These nicht ganz entspricht. Der Erfolg von BR Heimat hat ja unter anderem dazu beigetragen, dass sich Digitalradios in Bayern immer mehr durchsetzen – in einigen Elektromärkten waren Radios mit einer eigenen Stationstaste für BR Heimat innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und mussten nachproduziert werden. Unter den Käufern waren sowohl ältere als auch jüngere Hörer – ein deutlicher Beleg dafür, dass Volks- und Blasmusiksendungen alle Generationen ansprechen. Und uns freut es natürlich, dass BR Heimat Vorreiter in Sachen Digitalradio ist, denn wir wissen, dass vor allem auch viele junge Menschen aktive Blasmusikantinnen und -musikanten sind, die wir gerade mit großem Erfolg als Hörerinnen und Hörer gewinnen. Das belegen auch Publikumsreaktionen, die BR Heimat von Anfang an erreichen: Blasmusik ist – wenn man so sagen darf – „in“ und jung. Aber man sollte ältere Menschen auch nicht unterschätzen, viele haben sich ein Digitalradio angeschafft und sind begeistert. DAB+ bietet viele Vorteile: Der Klang ist hervorragend, es gibt Zusatzinformationen zu Titel und Interpret im Display. Außerdem sind die Geräte sogar einfacher zu bedienen als herkömmliche UKW-Radios, weil sich die Sender selbst einstellen.

Der Bayerische Rundfunk war bei großen Veranstaltungen immer wieder mit Ü-Wägen vor Ort. Wird das auch in Zukunft so weitergeführt, wenn die Laienmusik ausschließlich bei BR Heimat stattfindet?

Der Bayerische Rundfunk muss sparen, das ist allgemein bekannt, aber dennoch: Der BR gibt trotz der Sparzwänge sogar mehr Geld für Volks- und Blasmusik aus als je zuvor. Auch die Freunde der Laienmusik müssen sich keine Sorgen machen: Für alle ist auf BR Heimat viel mehr Platz und Zeit als bisher auf den „traditionellen“ Sendeplätzen, und natürlich werden wir weiterhin in Bayern unterwegs sein, um Veranstaltungen aufzuzeichnen.

Wann wird DAB+ so flächendeckend ausgebaut sein wie UKW das heute ist?

Das DAB+-Angebot des BR ist aktuell für 96,2 Prozent der Einwohner Bayerns mobil und im Außenbereich zu empfangen, bayerische Autobahnen sind zu 99 Prozent versorgt, und 81,1 Prozent der Einwohner haben Empfang im Gebäude. Das Digitalradio-Sendernetz wird mit Hochdruck weiter ausgebaut. Bis 2020 sind jährlich zehn weitere Sendeanlagen eingeplant, der Versorgungsgrad wird damit kontinuierlich weiter steigen. Bezüglich der Flächendeckung sind wir bei DAB+ schon jetzt teilweise besser als UKW, denn nicht alle UKW-Programmketten des BR erreichen den aktuellen DAB+-Versorgungsgrad. Es gibt auch viele Gebiete in denen der DAB+-Empfang schon heute besser ist als der von UKW. Wer dennoch keinen DAB+-Empfang hat oder kein Digitalradio besitzt, kann BR Heimat trotzdem hören: über Internet, Satellit oder – wenn der Betreiber BR Heimat einspeist – auch via Kabel.

Herr Wagner, vielen Dank für diese Informationen aus erster Hand!

Das Interview wurde uns dankenswerterweise von der Redaktion „Bayerische Blasmusik“ zur Verfügung gestellt.

Foto: BR – Hörfunkdirektor Martin Wagner

Andrea Aschauer

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