Interview mit Peter Brodschelm im Polnischen Fernsehen

Anton Hötzelsperger —  15. Mai 2014
Peter Brodschelm

Peter Brodschelm

Enduro Challenge

Bikesportliches Großereignis auf dem Samerberg am 24./25. Mai 2014

Rund 300 Lizenzfahrer aus 10 Nationen und lokale Hobbyradler werden sich bei der Zwei-Tages-Veranstaltung im Rahmen der europäischen Serie „Enduro Challenge“ messen. Bei einer jüngsten Großveranstaltung am Gardasee gab Bikepark-Betreiber Peter Brodschelm vom Samerberg dem polnischen Frühstücksfernsehen nachfolgendes Interview. Interviewerin war Joanna Ciszewska

Hallo Peter,

1.       Du, sowie Fahrtwind, gehorst zu den „Grossen” der deutschen Mountainbikeszene. Mountainbiker der ersten Stunde, Radbundesligist, Lehrbeauftragster der Universitat Augsburg und – last but not least – ein Rekordhalter im Bereich der Alpenuberquerungen: Wie kommt man zu uber 85 Transalps?
Die mittlerweile 90 Transalps passierten ja nicht in einem Jahr… Seit 1998 bin ich für FAHRTWIND als Scout und Guide unterwegs.  So habe ich beinahe alle Routen ausgekundschaftet und eben auch sehr viele davon als Guide geführt. Geholfen hat mir dabei sicherlich meine Vergangenheit als Radrennfahrer, denn so hatte ich eine sehr gute Grundkondition um die vielen Touren zu schaffen.

2.       Fahrtwind: Wie kam es zu der Idee? Erzahl etwas uber Fahrtwind.
Vor 16 Jahren organisierte ich einen Ausflug per Mountainbike für ein Fitnessstudio. Der Erfolg war riesig und der Spass dabei auch, und so habe ich zusammen mit einem Freund und meiner damaligen Lebensgefährtin den Plan von FAHRTWIND geschmiedet. Wir wollten unsere Passion „Radfahren und Reisen“ beruflich verbinden.

3.       Im Moment kooperiern mit Fahrtwind uber 30 Bikeguides – nicht nur fahrtechnisch und konditionell bestens vorbereitet, auch mehrsprachig, mit den besten Infos uber die Trails und Umgebung, in der się guiden. Es sind sicherlich nicht immer ehemalige Rennfahrer – ein guter Rennfahrer zu sein, besonders im Bereich Marathon, heisst ja nicht immer bestens fahrtechnisch vorbereitet zu sein. Wo sucht man und wo findet man solche Guides?
Wir suchen unsere Guides primär aus unserem direkten Umfeld aus. Mit das Wichtigste für mich ist nämlich, dass der Guide zu uns passt und unsere Philosophie teilt. Erst an zweiter Stelle sthet seine körperliche Fitness und sein Orientirungsvermögen oder die Fahrtechnik. Aber natürlich bewerben sich auch zahlreiche fremde Guides mit einer guten Ausbildung bei uns, und so haben wir ein gut qualifiziertes und spassiges Team bilden können.

4.       Bei Fahrtwind wird Mountainbiking ganz gross geschrieben: Jeder findet dort etwas fur sich: Sowohl der Freerider als auch der Freizeitrider. Mont Blanc – Umrundung, Schottland… Wo findest Du die Ideen, die Inspiration?
Wir Reisen alle gerne – am liebsten per Mountainbike. So haben wir schon viele Länder dieser Erde selbst gesehen und uns in so manchen Trail oder oft in Land und Leute dort verliebt. Solch endrückliche Erlebnisse will man teilen und daher sind unsere Destinationen in den Jahren auf den ganzen Globus ausgedehnt worden. Manche Ziele werden uns auch von Gästen empfohlen, so dass wir erst dann dort hinfahren um uns umzusehen, wenn wir eine besondere Empfehlung erhalten haben. In Neuseeland haben wir einen tollen Partner vor Ort, mit dem wir erstklassige Reisen anbieten können. So entstand ein gut funktionierendes Netzwerk, bis ans andere Ende der Welt.

5.       Bikepark Samerberg: Erzahl etwas uber die Idee; ein Bikepark nicht nur fur Freerider?
Der Samerberg ist unsere Heimatgemeinde. Vor Jahren war die ansässige Bergbahn pleite und ein neues Konzept musste her. So entstand die Idee eines Bikeparks, die ich Dank der Unterstützung zahlreicher Helfer sehr zügig umsetzen konnte. Ziel war es, einen Bikepark für jeden Mountainbiker zu bauen. Dies ist uns mit einer sehr flowigen Strecke und zahlreichen Varianten dazu gut gelungen. Man hat hier mit einem schweren Freerider genauso Spass wie mit einem CC Bike oder sogar einem Dirtbike. Der Bikepark Samerberg ist mittlerweile ein festes Standbein im Tourismus der Gemeinde.

6.       Im Moment scheint es, als ob die Zukunft den E-bikes und dem AllMountain/Endurobereich gehoren wurde. Grosse Veranstalter, wie z.B. Scheiderbauer-Sports (Worldclass MTB-Marathon Offenburg) geben die Organisation grosser MarathonEvents auf, bzw. konzentrieren sich auf ua. 24-Stunden-Rennen, die im Moment ebenfalls gross im Kommen sind. Was denkst Du daruber? Wird klassisches CrossCountry und Marathon etwas in Vergessenheit geraten? Wie sieht Deiner Meinung nach die Zukunft des Radfahrens aus, speziell des Mountainbikens?
Die klassischen Disziplinen wie z.B. Cross Country werden nie Aussterben, solange sie auch olympisch bleiben. Es ist ein natürliches Streben der Sportler, egal ob Freizeit- oder Profiathlet, sich bei Wettkämpfen zu messen. Die Disziplinen im MTB Bereich sind mittlerweile sehr vielfältig geworden und daher wird die Art der Rennen eine ebenso vielfältige Entwicklung durchlaufen. Jede Disziplin bringt ihren eigenen Lifestyle mit, und so ist das Mountainbiken eine sehr lebendige, bunte und junge Sportart für Jedermann. Jung in Bezug auf die Entwicklung, nicht auf das Publikum. Man muss eben seine Nische darin finden und ausprobieren , ob man zu den E-Bikern gehört, lieber CC oder Enduro Rennen fährt, oder gerne eine Transalp erleben will. Auf Festivals sieht man den enormen Zuspruch in seiner gesamten Bandbreite… Wie sehr die Branche wächst ist auch an den noch immer wachsenden Teilnehmerzahlen bei Rennen zu beobachten. Der Erfolg eines Rennens liegt nicht in seiner Disziplin, sondern ob es vor Ort gut Organisiert wurde, ob der Lifestyle der Teilnehmer getroffen wurde.

7.       E-bikes: Gehort Deiner Ansicht nach, die Zukunft den E-bikes? Oder ist es ein Trend, der mit der Zeit den traditionellen Bikes den Weg raumen wird? Oder bleiben E-bikes – auf die Dauer – in  der Stadt?

E-Bikes oder besser Pedelecs sind eine tolle Erfindung. Endlich können Pärchen mit unterschiedlichen Leistungsleveln gemeinsam auf Tour gehen! Aber auch Leute, denen bisher das Fahrradfahren aus gesundheitlichen oder anderen Gründen verwehrt blieb haben über Electro Fahrräder eine Einstiegschance zu diesem schönen Sport. In den Städten bietet es sich an, per E-Bike zur Arbeit zu fahren, weil man unter Umständen damit nicht völlig verschwitz ankommt. Trotz vieler Vorteile werden E-Bikes nie das herkömmliche Bike verdrängen, welches als Sportgerät höheren Ansprüchen genügen soll.

8.       Das Motto der E-bikes: „Der Fahrspass steht im Vordergrund”. Was halst Du davon, speziell, was halst Du von E-Enduro? Werden die E-bikes auf dem Trail – aufgrund mangelnder sowohl Kondition als auch fahrtechnischen Konnens – eine Gefahr fur die Biker und Spazierganger darstellen?
Das E-Bike Thema spaltet zur Zeit die Szene: zum einen sieht man an den unglaublichen Verkaufszahlen und er rasanten technischen Entwicklung den Wunsch nach motorisierter Unterstützung auf dem Bike. Zum Anderen kommen in den Alpen immer mehr Fahrer von Pedelecs auf Wegen daher, wo sie fahrtechnisch völlig überfordert sind. Die Nutzung der Alpen als „Freizeitanlage“ ist meiner Meinung nach bereits vielerorts an ihre Grenzen gestoßen. Wanderer, Bergsteiger, Gleitschirmflieger, Mountainbiker, Skitourengeher usw. tummeln sich in am dichtesten besiedelten Gebirge der Erde. Eine weitere Nutzergruppe wie die E-Biker stellt daher evtl. eine zusätzliche Belastung dar. Vor allem E-Enduros sehe ich hier besonder kritisch. Plötzlich können Trails für eine noch breitere Masse gefahren werden, oder es besteht die Möglichkeit, statt einmal gleich mehrere male pro Tag den selben Pfad ins Tal zu donnern. Nicht jedes Gebiet verträgt eine solche Entwicklung. Zudem stelle ich fest, dass viele neue Pedelec Fahrer jetzt zwar die Berge hochfahren können, jedoch bei der anschließenden Abfahrt mit den teilweise schweren und unhandlichen Rädern überfordert sind. Gefährliche Unfälle sind die Folge!

9.       Du und Fahrtwind gehorst zu den Ersten, die Fahrtchnikkurse fur E-bikes angeboten haben. Erzahl daruber!
Auch bei uns ist die Nachfrage nach Reisen und Touren mit Pedelecs vorhanden. Aus meiner Sicht kann man als Reiseveranstalter bestimmte Entwicklungen lenken, da wir z.B. nur in bestimmten Gebieten unterwegs sind und andere Gebiete als Ruheräume der Natur überlassen können. Um speziell im Gebirge auf der sicheren Seite zu sein, bieten wir für ambitionierte E-Biker speziell ein Fahrtechnik-Training an. So haben die Fahrer mehr Sicherheit und damit Spass an ihrem Rad. DasUnfallrisiko sinkt, weil man sich besser einschätzen lernt. Dabei lernen wir richtig Bremsen, optimal Kurven Fahren oder auch fahren über Hindernisse – alles Inhalte, wie bei einem „herkömmlichen“ Fahrtechnik-Training.

10.   Bikemarkt der Zukunft – wie – glaubst Du – entwickelt sich der europaische Bikemarkt? Im Moment kann sich der Verbraucher etwas verwirrt fuhlen: 26”, 27,5”, 29”, Hardtail, Fully, 100, 140, 160 mm Federweg, Drei-blatt, Zwei-blatt Kurbelsatze, 10-fach, 11-fach Antrieb… Es gibt Tausende Moglichkeiten. Meinst Du, dass sich der Markt weiterhin so defragmentieren wird, oder wird die Verwirrung des Verbrauchers – aufgrund des zu grossen Angebots – sich in „Frustration” wandeln, und somit die Produzenten zwingen, wieder „back to Basics” zuruckzukehren? Im Moment sieht es fur den Standard- Tourenfahrer so aus, dass er – im optimalen Fall – mehrere Bikes braucht: ein Citybike fur die City, ein Hardtail fur schnelle Ausfahrten, ein 120 mm 27,5 Fully fur Tourenfahren, ein 150mm Fully fur AllMountain…  J
Eine spannende Frage! Die vergangenen 15 Jahre haben gezeigt wie unglaublich innovativ die Branche ist. Ich sehe es weniger, dass sich der Markt zerteilt, als dass sich viele neue Möglichkeiten ergänzen. Es liegt an den Produzenten ihre Konzepte auf einen einfachen Nenner dem Verbraucher näher zu bringen. Neben Scheibenbremsen und vollgefederten Fahrwerken entwickelten sich auch neue Geometrien, quasi für jede neue Disziplin: Tourenfahrer, Cross Country, Downhill, Enduro, Freeride, Dirt. Dazu passend gibt es physikalische Vorteile die sich erst jetzt am Markt etablieren, wie von z. B. größeren Reifen, die je nach Disziplin oder Einsatzzweck verwendet werden können. Die Entwicklung geht sehr schnell, so dass man heute auf einem Rad von vor 2 Jahren bereits hinterherhinkt.  Ich sehe dies sehr positiv, weil sich für jeden Bikertypen nun immer optimalere Sportgeräte finden.  Wichtig dabei ist, dass der Kunde die Chance hat, z. B. durch Tests oder besser durch Probefahrten das zu ihm passende Rad zu findet. Bei Preisen wie für einen Kleinwagen, sollte eine Probefahrt ebenso Standard werden, wie es beim Kauf eines Autos schon immer ist.
Ich persönlich fahre ein All Mountain mit 29″, 130mm Federweg, 2-Fachkurbel und einer bequemen, aber trotzdem schnellen Geometrie, weil es meinem Anforderungsprofil von 90% Trail- und Tourenfahren voll entspricht. Trotzdem habe ich noch ein schweres Enduro, um im Bikepark Spass zu haben. Ich würde sagen, dass der Trend klar zum Zweit- oder sogar Drittrad geht.

Vielen Dank für das Interview.

Pozdrawiam,
Joanna Ciszewska

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg