„Wenn der Hochzeiter der Braut auf Schussweite entgegenkommt…“

Das waren noch (Hoch-)Zeiten im Inntal um 1850! Da zieht die Braut mit ihrem Hab und Gut auf Wagen beladen durch das Dorf zu ihrem Bräutigam. Und sie wird gebührend empfangen: „Der Hochzeiter geht der Braut auf Schussweite entgegen und reicht ihr die Hand“. So geschehen im oberbayerischen Inntal im Landkreis Rosenheim, festgehalten von Joseph Friedrich Lentner in seiner Ethnografie Bayerns „Bavaria.“ Es war wohl kein Vorsichtsabstand des Hochzeiters, sondern ein Brauch, den es in dieser Zeit bei Eheschließungen gab. Genauso wie die Tatsache, dass entweder an der Großen oder Kleinen Fastnacht geheiratet wurde. Also an Fasching (Montag oder Dienstag) oder in den Wochen vor dem Advent. Und was die Leute alles gegessen haben! Zum Menü-Auftakt gab es Suppe, Würstl, ein Lungen-Voressen, Rindfleisch und Kraut.

Das und vieles mehr erfuhren die Besucher bei der Veranstaltung „Hochzeitsbräuche um 1850“ im Bauernhausmuseum Amerang mit Ernst Schusser vom Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern. Mit zahlreichen Beispielen neuer und überlieferter Lieder, Tänze sowie Instrumentalmusik gab Schusser auf unterhaltsame und interessante Art und Weise einen Einblick in die Übergangsphase von der Jugend zum Erwachsenwerden in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei spürte er auch den regionalen Besonderheiten im Südosten Oberbayerns nach. Der Abend gehörte zum Rahmenprogramm der Sonderausstellung „Einen schönen Gruß vom Hochzeiter!“, die sich mit der Zunft der Hochzeitslader beschäftigt.

Eine wahre Fundgrube an Schätzen sind die Aufzeichnungen von Joseph Friedrich Lentner. Er hatte ganz Bayern bereist und eine umfangreiche Landesbeschreibung „Bavaria“ im Auftrag von König Maximilian II. um 1840/1850 niedergeschrieben. Jetzt wissen wir es: Wer früher eine Hochzeit besuchte, brauchte ein gehöriges Maß an Kondition! Nicht nur wegen des umfangreichen Essens, das in mehreren Gängen den Gästen viel Appetit abverlangte. Auch das Entführen der Braut dauerte stundenlang, mit ebenso stundenlangem Genuss von Wein und Bier. Eine kleine Hochzeit bestand aus vier Tischen à 12 Leuten, eine mittlere aus 80 Gästen, eine gute Hochzeit aus 250 Geladenen.

Schusser bot noch viel mehr an diesem Abend. Auch Nicht-Spezialisten der bayerischen Volksmusikgeschichte bekamen viele Einblicke in die Entwicklung der Musik zu den Hochzeiten in Bayern. Die Erkenntnis war: Es wurde viel mehr gesungen als heutzutage, und es brauchte keine große Blasmusik, um eine unterhaltsame Hochzeit zu gestalten. Eine gute Hochzeitsmusik bestand aus sieben Musikern. Musiker und Komponisten wie Peter Streck oder der Müllner Peter von Sachrang waren es, die entscheidende Impulse gaben, indem sie Noten aufschrieben, die Musikstücke modifizierten oder neue Aspekte in die Musik einführten.

Groß in Mode war 1840/50 etwa „Die ewige Hochzeiterin“, eine Mazurka, die damals Modetanz war und von zwei Geigen, einem Bass und einer Klarinette gespielt wurden. Peter Streck führte auch türkische Musik ein, die ihre Wurzeln um das Jahr 1680 hatte, als die Türken vor Wien standen. Das hieß: Streck sorgte dafür, dass jetzt auch Pfeifen und Trommeln zu hören waren. Die Lieder zu den Hochzeiten durften die Besucher im Bauernhausmuseum gleich selbst ausprobieren. So etwa das Brautlied „Die Sonne neiget sich“. Es wurde am Ende der Hochzeit zum Abschied der Braut gesungen. Hier heißt es: „Blick auf den liebe Gott und fasse Mut, er hilft in Angst und Not, er ist dir gut. Hast Du geprüft dein Herz? Treib ja damit nicht Scherz. Es ist die letzte Nacht, junge Braut, gib Acht.“ Viele Menschen brachen bei diesen Zeilen zum Abschied in Tränen aus. Apropos Tränen: Die Gäste erfuhren auch, dass bei den Hochzeiten an verschiedenen Orten zu unterschiedlicher Zeit geweint wurde, so zum Beispiel im Chiemgau. „In Bergen hat man vor der Kirche geweint, in Übersee nach der Kirche“, erzählte Schusser. „Da musste man schon aufpassen bei mehreren Hochzeiten, dass man auch an der richtigen Stelle weint.“ Auch das gehört offensichtlich zu einer guten Hochzeit: am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu weinen.

Das Rahmenprogramm zur Sonderausstellung geht mit einer weiteren Abendveranstaltung weiter, in der Hochzeiten des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Gespräche stehen. Schließlich hat kaum ein Ereignis in Altbayern mehr Bräuche hervorgebracht als die Hochzeit. Von barocker Lebensfreude geprägt lebt dieses Fest mit großer Tradition. Wie verbringen das Brautpaar und die Festgesellschaft den schönsten Tag des Jahres. Was hat sich in den letzten 100 Jahren verändert?
Am Donnerstag, den 31.7.2014 um 20:00 Uhr heißt es in der Stube des Bernöderhofs: „Einen glückseligen Tag…! Eine Gesprächsrunde mit Musikbeispielen und Gstanzln“. Es diskutieren Hochzeitslader Sebastian Friesinger, Volksmusikpfleger Ernst Schusser und weitere Experten über Hochzeitsbräuche und die Aufgaben der Progoder. Zu hören sind neben Gstanzln auch überlieferte Hochzeitslieder sowie eine Auswahl von Tanz- und Unterhaltungsmusik.

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg