Sensation im Saarland – Prädikat „Tracht des Jahres“ geht nach Polen

Schönwälder Tracht der Deutschen wird siebzig Jahre nach Kriegsende mit wertvollem Prädikat ausgezeichnet

Vom 24. bis 26. April 2015 war der Deutsche Trachtenverband ist zu Gast in der saarländischen Stadt Homburg. 146 Delegierte aus ganz Deutschland haben an dem Deutschen Trachtentag teilgenommen und die „Tracht des Jahres“ gekürt. 

Tracht des Jahres 2015 – Die Schönwälder Tracht

Seit dem Jahre 2006 verleiht der Deutsche Trachtenverband e.V. das weltweit einmalige Prädikat „Tracht des Jahres“. Damit ehrt der Bundesverband die Arbeit deutscher Heimat- und Trachtenvereine in der Erhaltung der Tracht, sowie des Brauchtums und der regionalen Traditionen der Trachtenträger. Die Tracht als historisches und modernes Bindeglied zwischen den Generationen und Zeiten zu bewahren, zeichnet die jeweiligen Preisträger aus. Die Ursprünglichkeit der Tracht, aber vor allem das Leben in Tracht sind wichtige Merkmale, die die Träger des jährlichen Prädikats auszeichnen.

Im Jahr 2015 geht der Deutsche Trachtenverband e.V. mit der Preisvergabe erstmals einen neuen Weg, denn Preisträger wird nicht ein deutscher Heimat- oder Trachtenverein sein.

In einem Europa der Regionen, wo über Ländergrenzen hinweg ein Kulturland Europa der verschiedensten Facetten erblüht, hat sich der Bundesverband entschieden, eine Gruppe in der Republik Polen auszuzeichnen, die sich auf ungewöhnliche Art und Weise, um die Wiederentdeckung der Tracht, aber auch der Sitten und Bräuche sowie der Muttersprache vertraut gemacht hat.

Mit der Preisvergabe setzt der Deutsche Trachtenverband auch ein Zeichen mehr als 40 Jahre nach dem Kniefall von Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt in Warschau, nie zu vergessen, welches Leid dem polnischen Volk und der deutschen Minderheit durch den Ausbruch des II. Weltkrieges verursacht vom deutschen Hitlerfaschismus geschehen ist.

Preisträger der „Tracht des Jahres 2015“ ist die

Schönwälder Tracht

getragen vom Deutschen Freundschaftskreis (DFK) Zbroslawitz (deutsch Dramatal), in Oberschlesien, Republik Polen.

Die Schönwälder Tracht ist eine deutsche schlesische Tracht, die von etwa 70 Bürgerinnen und Bürgern in Polen getragen wird. Die Trachtenträger pflegen in Polen die deutsche Sprache, die die Muttersprache ihrer Eltern und Vorfahren ist, sie erhalten deutsches Liedgut, Tänze und Sitten und sie geben diese Traditionen an die in Polen geborene junge Generation weiter.

Zur Geschichte:

Es ist eine deutsch-Polnische Geschichte. Die Schönwälder Tracht, kommt im Jahre 2015 aus Bojkow, deutsch Schönwald, einem Dorf, das seit dem Jahr 2000 Stadtteil von Gliwice, deutsch Gleiwitz ist. Schönwald wird in der Geschichte als das oberschlesische Trachtendorf bezeichnet und ist als das „Dorf der Stickerinnen“ sogar weltbekannt, denn die im Dorf gefertigten Stickarbeiten wurden weltweit exportiert. Auch die Trachten zeugen vom Reichtum dieser Stickkunst.

Im 12. Jahrhundert siedelten fränkische Bauern in Oberschlesien. Sie brachten aus der Heimat ihre Sitten und Bräuche, ihre Sprache und Trachten mit. Das Brauchtum entwickelte sich im Laufe der Jahre weiter, erhielt neue Impulse ua. durch französische, habsburgische und russische Einflüsse der jeweiligen Regierungszeiten dieser Länder über Oberschlesien. Was in all den Jahrhunderten unverändert blieb waren die Sprache und die Tracht.

Haupterwerbszweig der Menschen waren die Landwirtschaft und der Bergbau sowie die Buntstickerei, wo teilweise bis zu 300 Frauen beschäftigt waren. Die Schönwälder Stickschule zog Mädchen aus allen Landesteilen zur Ausbildung an.

Bis ins 20. Jahrhundert waren diese Traditionen unverändert erhalten. Mit der Flucht und der späteren Vertreibung der Bevölkerung ab Frühjahr 1945 kam es zum Zusammenbruch des deutschen Lebens in Schönwald. Doch nicht alle Deutschen gingen, viele blieben vor Ort und bildeten mit den neu angesiedelten ukrainischen Bürgern eine neue Dorfgemeinschaft.

In den Jahren der kommunistischen Herrschaft über Polen war die Pflege deutschen Brauchtums, das Tragen deutscher Trachten verboten. Man konnte den Menschen alle diese Äußerlichkeiten nehmen, nur die Sprache nicht und so blieb in den Familien und in den geheimen Treffen der Vereine die deutsche Sprache erhalten. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90 kam auch die Befreiung der deutschen Minderheit in Polen von Zwängen und Verboten. Die Anerkennung der deutschen Minderheit, die Erlaubnis zur Pflege der deutschen Muttersprache und die Wiederkehr zu Brauchtum und Sitten war die Geburtsstunde des Deutschen Freundeskreises (DFK) Zbroslawitz im Jahre 1990. Alle neuen deutschen Gruppen schlossen sich in der „Soziokulturellen Gesellschaft der Deutschen in der Wojewodschaft Schlesien“ zusammen.

1990 gründete sich im Freundeskreis zuerst eine Gesangsgruppe, 1991 folgte bereits eine Kindertanzgruppe und ein Jahr später eine Jugendtanzgruppe. Aus der wachsenden Gesangsgruppe bildete sich 1992 ein gemischter Chor. Der DFK unterhält mittlerweile drei Kulturgruppen mit 70 Mitgliedern.

In Zbroslawitz gab es keine eigenständige Tracht. Deshalb entschied sich die Gruppe zur Wiederbelebung der Schönwälder Trachten. Schönwald und Dramatal sind Nachbardörfer. Das Dorf Schönwald, heute Bojkow, starb im Jahre 1945 völlig aus. Alle Bewohner waren geflüchtet und es folgte eine Neubesiedelung mit ukrainischen Umsiedlern. Anders als in Dramatal, waren in Schönwald die deutschen Traditionen komplett erloschen.

Mit Hilfe von zwei deutschen Trachtennäherinnen und einer detailgetreuen Trachtenbeschreibung von Frau Fränzi Cimander gelang es im Jahre 1992 für 70 Personen die Schönwälder Trachten durch Neuanfertigung zu restaurieren. Wie in der Tradition verwurzelt wurden die Trachten nach Anleitung von den Frauen des Chores selbst gefertigt und mit Hand bestickt. Leider war es in den Jahren nach dem demokratischen Umbruch in Polen nicht möglich hochwertige Stoffe für die Trachtenrestaurierung zu finden, so dass immer wieder improvisiert werden musste.

Auch mussten die Männer auf die traditionellen weißen Hosen verzichten, weil es nicht gelang die typischen Schaftstiefel zu fertigen bzw. zu kaufen. 47 Jahre nach dem Untergang der Schönwälder Trachten ist es dem DFK Zbroslawitz zu verdanken, dass vor 25 Jahren eine Restaurierung und Wiederbelebung dieser einzigen, im original erhaltenen und immer noch getragenen deutschen Tracht in Oberschlesien gelungen ist.

Besondere Verdienste um die Wiederbelebung der deutschen Trachten und der deutschen Kultur in Oberschlesien hat sich der Kulturreferent und Chorleiter des DFK, Herr Dipl. Ing. Johannes Tlatlik erworben. Er suchte immer wieder den Kontakt zu deutschen Gruppen und war mit dem DFK Zbroslawitz im Jahre 1994 Ehrengast beim 1.Gesamtdeustchen Bundestrachtenfest in Wechmar in Thüringen, welches der Deutsche Trachtenverband e.V. mit 175 Gruppen und 7.000 Teilnehmern veranstaltete.

Trachtenbeschreibung:

Die Frauentracht besteht aus weißen Barchenhemd, dem dunkelblau gemusterten Unterrock, dem schwarzen wollenen knöchellangem Oberrock mit vielen Buntfalten und rotem Saum. Das Mieder wurde aus schwarzem Wollstoff gearbeitet, auf der Vorderseite mit schmalen Silberstreifen, in der Mitte kleine Perlmuttknöpfe. Über dem Mieder trug die Frau bei festlichen Anlässen das bunte Seidentuch. Kreuzweise übereinandergelegt. Die schmale Schürze reichte bis zum Rocksaum und war aus Seide mit Blumenmustern, vorn in der Mitte von einer gebundenen Schleife gehalten. Typisch für die Frauentracht ist das reich bestickte Kopftuch aus feinem schwarzen Wollstoff und langen Seidenfransen. Die Kante mit roten und grünen oder lila Ranken besetzt. Jedes Mädchen hat acht bestickte Tücher, das Tuch wird eng gebunden unter dem Kinn und zur Schönwälder Krawatte zusammen geschlungen.

Die Männertracht ist schlicht. Sie besteht aus weißer Hose mit schwarzen Schaftstiefeln oder langer schwarzer Hose. Dazu trug er ein weißes langes Oberhemd, darüber die aus schwarzem Wollstoff gefertigte Weste, zweireihig mit Knöpfen besetzt. Über der Weste trägt der Mann einen schwarzen Rock und eine schwarzen Schlapphut.

Text: Knut Kreuch, Präsident Deutscher Trachtenverband e.V.

 

Rainer Nitzsche

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