Priener Erinnerungen an einen Bombenangriff am 20. Oktober 1944

Der 20. Oktober 1944 ist älteren Prienern Mitbürgern noch in besonderer Erinnerung: an diesem Tag ging über Prien von einem Flugzeuggeschwader ein Bombenhagel nieder, der zwar enorme Schäden anrichtete, aber der wie durch ein Wunder keine Todesopfer forderte. Ziel der Angreifer waren die Straßen von Prien nach Bauernberg, weil an diesem Tag und auf diesem Weg der Reichs-Innenminister Heinrich Himmler vermutet wurde. Otto Obermüller, der aus Leiten, einem der bebombten Orte stammte, erinnert sich noch gut an diesen Schreckenstag, der in keiner der bisher in Prien erschienenen Chroniken festgehalten ist.Neun Jahre war Otto Obermüller damals alt als am 20. Oktober 1944 der Vormittagsnebel verschwand, gegen Mittag die Sonne und um 13 Uhr das Angriffs-Geschwader kam. „Über der Herreninsel setzten die Flugzeuge zum Tiefflug an, die ersten Bomben fielen am Hohertinger Berg rechts von der Straße, die Bäume wurden dabei auf ca. 5 Meter Höhe abgesprengt, einige Bombentrichter sind heute noch zu sehen“, so Obermüller. Desweiteren weiß er noch zu berichten: „Die weiteren Bomben fielen zwischen den Bauernhöfen in Hoherting, die Höfe waren nicht das Ziel, sondern die Straßen waren im Visier der Angreifer“. In den Straßen und Wiesen nahe Hoherting fielen rund 30 Bomben, im weiteren Verlauf waren es sogar einhundert Bomben, wenn nicht gar mehr. Die letzten Bomben fielen nach Bauernberg und Kaltenbach und in Siegharting, das damals zur Gemeinde Wildenwart gehörte.“ In Siegharting – so Obermüller- wurde „ausgeleert“. Arg erwischte es das Dorf Leiten, dort wohnte Otto Obermüller mit seinen fünf Geschwistern, mit den Eltern und mit dem Großvater. „Die Straße führte ganz nah an unserem Haus vorbei, so dass ein Einschlag großen Schaden anrichtete. Wenn nicht der große und voll bestückte, vier Meter breite Heustock gewesen wäre, wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Auch wenn alle Dachplatten und die Außenverschalung von der Tenne kaputt waren, auch wenn alle Fensterscheiben zersplitterten – das Wohnhaus hielt dank dem Heustock stand. Viel schlimmer war es im Nachbarhaus, einer Villa der Familie Seidler, beim Seidler-Haus gegenüber von unserer Straße. Dort konnte das Ehepaar Seidler nur mit größtem Glück lebend aus den Trümmern geborgen werden“, erinnert sich Obermüller, der weiter zu erzählen weiß: „Als es aufgrund der Druckwellen die Haustüre aufriss, war ich gerade beim Apfelessen in der Küche, durch die offene Haustüre sah ich eine Bombe herunterfallen. Die Mutter war ebenfalls in der Küche, der 76 Jahre alte Großvater wäre fast über die Stiege gefallen, eine Dirn und meine Geschwister Lenz, Liesi, Sepp, Resi und Ägid waren im Nebengebäude. Ägid war im Kinderwagen, der nach dem Angriff voll Glasscherben war. Unser Vater war zum Zeitpunkt des Unglücks in der Genossenschafts-Brennerei und als er heimkam fand er eine fast aussichtslose Situation vor“.

Die Bombardierung der Alliierten von Prien war ungewöhnlich, Ziel war sicherlich der Politiker Himmler, der sich zwar an diesem Tag in Prien wohl aufgehalten hat, aber dessen Zeiten und geplante Fahrt nach Umratshausen aufgrund einer Programmänderung nicht mehr stimmten (Der Aufenthalt von Himmler konnte aber bislang nicht eindeutig bestätigt werden).
Die Bomben von 1944 rissen rund fünf Meter tiefe sowie acht mal zehn Meter große Krater in den Boden, enorm viel Dreck häufte sich rund um die Einschlagslöcher an. Die erste Aufgabe sah der Obermüller-Vater im Beschaffen von Dachplatten. Zu den verschiedenen Arbeiten konnte er verurteilte Kriegsverbrecher bekommen, die in der Justiz-Vollzugs-Anstalt in Bernau inhaftiert und zum Arbeiten verurteilt waren. Das Bombentrichter-Auffüllen war dann eine langwierige Aufgabe, zum Teil nach der Schule für die Kinder vom Hansl-in-der-Leiten-Hof, kurze Zeit auch mit Schulklassen. Von der Gemeinde mit dem damaligen Bürgermeister Melchior Jaud konnte aufgrund der damaligen Situationen keine zusätzliche Hilfe erfolgen. Das Wiederherrichten des Bauernhauses und des gänzlich zerstörten Seidlerhauses erfolgte im Laufe der Jahre. Der Großvater von Otto Obermüller, den der Bombenangriff stark zugesetzt hatte, verstarb im April 1946. Auch Wilhelm Feichtner senior aus Siegharting kann sich noch persönlich an den Abwurf der Bomben über Siegharting erinnern. Elf Bomben wurden rund um das kleine Dorf abgeworten, Willi Feichtner war als junger Bub mit dem Ochsenfuhrwerk in der Filze beim Kartoffelholen als er merkte, dass die Flieger nicht wie üblich von der Kampenwand kommend in Richtung München steuerten, sondern abdrehten und auf seinen Heimatort zusteuerten. Er konnte sich noch in Schutz bringen. „In Siegharting zersplitterten zahlreiche Fenster, in Stupfa war es etwas schlimmer, weil eine Bombe in der Kiesgrube neben dem Bauernhaus für schweren Steinschlag und entsprechende Häuserschäden sorgte“, so Willi Feichtner.

Weitere Bomben 1945

Wie Obermüller sich erinnert, war Prien noch zweimal 1945 kurz vor Kriegsende Ziel eines Bombenangriffs: einmal am 16. April, als ein Angriff auf den damaligen Priener Flugplatz den Niederbrand beim Bauern von der Franz Huber in Osternach verursachte und einmal am 25. April, dies ist festgehalten in der „Priener Chronik 1919 – 1972“ (herausgegeben von Lorenz Kollmannsberger und Dr. Peter Hattenkofer – erhältlich im Rathaus Prien) mit folgendem Text: „Am 25. April kommen Bomber über den Herrenberg und klinken über dem Bahnhof ihre Bomben aus. Sie verfehlen ihr Ziel, zerstören aber die beiderseits der Bahnstrecke liegenden Wohnhäuser vom Eisenrichter (neben dem Fußübergang über die Bahn zum Friedhof) und vom Hacklechner (neben Buchdruckerei Vogler). Dabei werden zwei Frauen (Anmerkung: eine Frau war die Mutter des späteren Priener Zweiten Bürgermeisters Franz Eisenrichter) tödlich verwundet. Im Hacklechnerhaus wird ein acht Monate altes Kind versschüttet. Gemeinderat Krumrey, der zuerst an der Unglücksstelle war, rettet es unter Lebensgefahr vom Erstickungstode. Eine schwere Bombe fällt neben der Friedhofmauer in die Wiese zwischen Gottesacker und Bahngeleise. Die Umfassungsmauer wird teilweise eingerissen und die Gräber beschädigt. Eine weitere Bombe ging in einem sogenannten Not-Abwurf im Sommer 1945 über Ernsdorf nieder, ohne größeren Schaden anzurichten.

Über weitere Details zum Geschehen in Prien während des Zweiten Weltkriegs kann der o.g. Priener Chronik 1919 – 1972 entnommen werden.

Repros: hö – 1. von links: Otto Obermüller, Frau Seidler und die Brüder Seppi und Lenz
Obemüller 2. Hausansicht vom „Hansl in der Leiten“ nach 1945

Fotos: Hötzelsperger – Blick nach Leiten –– Otto (li.) und sein Bruder Ägid Obermüller beim Studium von Fotoalben –

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg