Neues Buch über Musik, Tanz und Bräuche im Bayerischen Wald

Anton Hötzelsperger —  19. November 2014

14_RoiderSepp_Umschlag_RZ.inddEigentlich ist Josef Roider aus Katzbach bei Cham Diplom-Volkswirt. Bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz berät er Unternehmen bei vielfältigen Vorhaben, von der Existenzgründung bis zur Unternehmensnachfolge. Professionell und kompetent gibt er sein Wissen weiter. Seine Leidenschaft aber gehört der Musik. Vielen ist er als Flügelhornist der „Regensburger Wirtshausmusikanten“ bekannt, mit denen er überlieferte Tanz- und Unterhaltungsmusik zum Besten gibt. Der ein oder andere kennt ihn auch als versierten Referenten bei regionalen und überregionalen Volksmusikseminaren. Doch kürzlich hat der Roider Sepp eine neue Seite geoffenbart, die des unermüdlichen musikalischen Spurensuchers.

Am 6. Mai hat Josef Roider im Rahmen des Festivals „drumherum – Das Volksmusikspektakel2014“ in Regen ein Buch präsentiert. Und was für ein Buch! 566 Seiten umfasst die reich bebilderte und mit zahlreichen Notenbeispielen angereicherte Studie zum musikalischen Leben im Lohberger Winkel. Im Mittelpunkt stehen die „Sommerauer Musikanten“, doch viele Phänomene, die Roider beschreibt, haben für den ganzen Bayerischen Wald, zum Teil für ganz Bayern Gültigkeit. Darum heißt das Buch auch richtiger Weise „Musik, Tanz und Bräuche im Bayerischen Wald“. Herausgegeben hat es der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V. in seiner Schriftenreihe „MusikLeben“. Anfang der 1980er Jahre nimmt Sepp Roider – angeregt von Dr. Adolf Eichenseer, dem damaligen Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz – Witterung auf. Er macht sich auf die Suche nach traditioneller Musik in seinem direkten Umfeld. Er macht sich auf die Suche nach Musikstücken und Noten der „alten“ Musikanten im Landkreis Cham und angrenzenden Gebieten. Im Frühjahr 1985 kommt Roider erstmals in den „Wingei“, wie die Einheimischen den östlich von Lam gelegenen Winkel mit Lohberg und einigen kleineren umliegenden Ortschaften nennen. Es sollten nachhaltige Begegnungen werden, die ihn über 25 Jahre begleiten und beschäftigen sollten.

Im abgelegenen Weiler Sommerau lernt er den damaligen Kapellmeister Heinrich Moser und dessen Mutter Karolina kennen. Beide entpuppen sich als wahre Fundgrube für den wissbegierigen Forscher. Obwohl in diesen Dingen nicht ausgebildet, spürt Josef Roider – ausgestattet mit einem gesunden Menschenverstand und Umgänglichkeit – den Dingen nach, die er bisher nur aus volkskundlichen Veröffentlichungen kennt. Er stellt fest, dass sich in diesem abgelegenen Winkel des Bayerischen Waldes zahlreiche kulturelle Traditionen und musikalische Phänomene erhalten haben, die schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg als Rarität bezeichnet werden können.
Akribisch sammelt er von nun an Fotos, Noten, Familien- und sonstige interessante Unterlagen. Er nimmt Lieder und Musikstücke auf und sucht nach Gewährsleuten, die Auskünfte geben können. Nicht immer ist es leicht sie zu finden und manchmal noch schwerer sie zum Sprechen zu bewegen. Aber Josef Roider hat den richtigen Draht zu den Menschen. Mit fast 300 (!) Gewährspersonen spricht er über ihr Wissen, ihre Erinnerungen, ihre persönlichen Einordnungen und führt feinsäuberlich Buch über seine Erkenntnisse. Er dokumentiert dabei nicht mit dem Blick des außenstehenden Wissenschaftlers, sondern des teilhabenden Musikanten.

Zu recherchieren ist die eine Sache, die Ergebnisse schließlich zu Papier zu bringen schon nochmal eine ganz andere. Wer je vor einem leeren Blatt Papier saß und versuchte Handlungsweisen, Überlieferungsprozesse oder Traditionen zu beschreiben, der weiß es zu schätzen, wenn Josef Roider mit der geforderten wissenschaftlichen Belegbarkeit (schon der Anmerkungsapparat umfasst über 80 Seiten) aber eben auch mit einer allgemein verständlichen Sprache seine Forschungsergebnisse präsentiert. Fein säuberlich erklärt er Sachverhalte, lässt die umgangsprachliche Ausdrucksweise seiner Gewährspersonen zu, verzichtet nicht auf Dialektausdrücke und zeichnet so ein umfassendes Bild, das nicht nur für Musikinteressierte oder -kundige, sondern auch für Außenstehende bestens nachvollziehbar ist. Gut gegliedert werden die Musikantenpersönlichkeiten vorgestellt, Besetzungen und ihre Varianten erklärt, Musizieranlässe und mit Musik verbundene Bräuche geschildert und das Repertoire aufgeschlüsselt. Besonders der Tanzmusik widmet Josef Roider einen breiten Raum, so dass man auf der einen Seite wichtige Informationen zur Musizierweise und auf der anderen Seite zu den Tanzschritten erhält.
Beim Lesen des kurzweilig verfassten Mammutwerkes, das sicher sofort in die Reihe der Standartwerke über traditionelles Musizieren aufgenommen werden kann, wird man unweigerlich von dem Enthusiasmus des Roider Sepp erfasst. Schon beim ersten Durchblättern entdeckt man Kurioses, erhält Aufklärung über bisher Unbekanntes und findet Bestätigung für schon öfter Vermutetes. Dem Autor gebührt Dank und höchste Anerkennung für seine Forschungsarbeit, besonders aber dafür, dass er uns an seiner Leidenschaft in Form dieses Buches teilhaben lässt! „Rewàde!“
Für sein außergewöhnliches Engagement bei der Dokumentation der Musiktradition im Lohberger Winkel wurde der Forscher und Musikant Josef Roider im Juni 2014 vom Oberpfälzer Kulturbund mit dem „Nordgaupreis 2014“ für Musik ausgezeichnet. Gratulation!

Sepp Roider: Musik, Tanz und Bräuche im Bayerischen Wald dargestellt am Beispiel der Sommerauer Musikanten im Lohberger Winkel, München 2014. 566 S., zahlr. Abb. und Noten (MusikLeben. Schriftenreihe des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege e.V. Band 3). ISBN 978-3-931754-66-2, 29,95 EUR, www.heimat-bayerm.de

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg