Interview zur Ausstellung „Wikinger!“

Mit Kuratorin Dr. Michaela Helmbrecht

Was macht die Ausstellung so einzigartig?

Immer wieder verändern überraschende neue Erkenntnisse das gängige Bild der Wikinger, und stellen es manchmal sogar auf den Kopf. Die Ausstellung „WIKINGER!“ im Lokschuppen Rosenheim vermittelt den Besucherinnen und Besuchern ein wissenschaftlich aktuelles Bild der Zeit vom 8. bis 11. Jahrhundert nach Christus in Nordeuropa.

Ein großer Teil der Originalfunde in der Ausstellung ist bislang noch nie in Deutschland zu sehen gewesen, vor allem die spektakulären Funde der letzten Jahre aus Uppåkra in Südschweden. Sie werden am Historischen Museum der Universität Lund (Lunds Universitets Historiska Museum) aufbewahrt, das wir als Kooperationspartner gewinnen konnten. Die Funde sind eingebettet in eine emotional und ästhetisch ansprechende Erlebnisausstellung, die sich an Erwachsene wie an Kinder richtet.

Was sind die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung?

Die Ausstellung ist in zehn Themenbereiche gegliedert, die im Ganzen ein umfassendes Bild der Wikingerzeit vermitteln. Dabei ist einigen Themen besonders viel Raum gegeben. Fällt der Begriff Wikinger, hat jede/r sofort ein Bild vor Augen. In der Ausstellung werden populäre Annahmen und Klischees mit der historischen Wirklichkeit konfrontiert. Dabei entpuppt sich auch der allseits beliebte Hörnerhelm, der ikonisch für die Wikinger steht, als Erfindung von Opernkostümbildern des 19. Jahrhunderts!

Das Thema „Kunst und Kultur“ verbindet man vielleicht spontan nicht sofort mit den Wikingern, aber sie besaßen eine hochentwickelte Ornamentkunst, und ihre skaldischen Gedichte gehören zu den komplexesten Werken in der Geschichte der Literatur. Handwerkskunst und Dichtkunst hängen mit der Mythologie zusammen, der ebenfalls viel Raum gegeben wird. Das wichtigste Schwerpunktthema bilden aber natürlich die Reisen und die Schiffe der Wikinger!

Richtig – die Wikinger sind ja vor allem für ihre Fahrten und Eroberungen bekannt. Wie wird das in der Ausstellung thematisiert?

Dies ist der größte Themenbereich innerhalb der Ausstellung. Wohin gelangten die Nordleute auf ihren Fahrten? Wo plünderten die Wikinger, wo trieben sie Handel? Wie wurden die Schiffe gebaut, wie fand man auf hoher See den richtigen Weg – auf all diese Fragen bekommen die Besucherinnen und Besucher Antwort, und zwar nicht nur anhand von Originalfunden, sondern auch von originalgetreuen Rekonstruktionen von Schiffsteilen, interaktiven Stationen und Filmen.

Was sind für Sie die Highlights der Ausstellung?

In der Ausstellung sind über 500 Objekte zu sehen. Jedes einzelne davon erzählt spannende Geschichten. Aber wenn ich einige besondere Stücke nennen soll, steht an erster Stelle eine vergoldete Figur in Form eines fliegenden Mannes. Sie stellt eine Sagenfigur dar, nämlich den zauberkundigen Schmied Völund, bei uns als Wieland bekannt, in dem Moment, als er sich triumphierend aus der Gefangenschaft befreit. In einem ganz kleinen Objekt ist hier meisterhaft eine ganze Geschichte ins Bild umgesetzt.

In der „Waffenkammer“ sind einige Prachtschwerter zu sehen. Sie wurden wahrscheinlich nie im Kampf gebraucht, sondern waren Prestigeobjekte und haben über die Jahrhunderte nichts von ihrer Faszination eingebüßt.

Das wechselhafte Verhältnis der Nordleute zum Fränkischen Reich illustriert wie kaum ein anderer Fund der Schatzfund von Häljarp in Schweden. Hier wurden neben Armringen von skandinavischer Machart auch originale karolingische Schwertgurtbeschläge und Münzen im Boden verborgen. Besonders interessant ist der kleeblattförmige Schwertgurtbeschlag: solche Beschläge wurden im Norden nachgeahmt und als Frauenfibeln verwendet.

Originalgetreue Rekonstruktionen, die mit originalen Techniken und Werkzeugen hergestellt wurden, aus dem Wikingerschiffsmuseum in Roskilde sind Highlights im Bereich „Expansion“. Segel, Steuerruder, Steven und Riemen (Ruder) vermitteln einen Eindruck von der beeindruckenden Größe und Eleganz der wikingerzeitlichen Schiffe.

Warum sind die Wikinger noch heute so faszinierend?

Wikinger stehen für Schnelligkeit, Wagemut, Abenteuerlust und Freiheitsliebe, für Expansionsdrang und Durchsetzungskraft – aber nicht erst seit Kurzem. Die Verklärung der Wikingerzeit zu einer Epoche der kühnen Helden begann bereits im Mittelalter. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Wikinger noch aus einem anderen Grund angesehen: die nordgermanischen Wikinger galten als die reinblütigsten Arier, bei denen sich noch erhalten hat, was bei den Südgermanen durch Christianisierung und verfälschende Einflüsse verloren war.

Heute sind Wikinger populär wie nie: in Comics, in Filmen, als Zeichentrickfiguren… Im deutschsprachigen Raum sind Wickie und Hägar die bekanntesten Wikinger-Figuren. Sie spielen mit den Klischees und unterminieren das teilweise etwas fragwürdige Männlichkeitsideal, das gelegentlich noch mitschwingt, auf humorvolle Weise. Wikinger sind auch in der Werbung gefragt, wenn die oben genannten Eigenschaften mit bestimmten Produkte assoziiert werden sollen: so wurde ein Wikingerschiff zum Logo einer Autofirma (Rover).

Die „Wikinger!“ in Oberbayern – wie passt das zusammen?

Archäologische Funde belegen, dass vor und zu Beginn der Wikingerzeit kultureller Austausch zwischen dem Norden und dem Frankenreich und auch Bayern bestanden hat. Das zeigt zum Beispiel eine Riemengarnitur, die vor einigen Jahren in Marquartstein, Lkr. Traunstein gefunden wurde: einige der Besätze der Garnitur zeigen skandinavischen Greiftierstil.

Dass im 19. und 20. Jahrhundert die Wikinger so populär wurden, ist allerdings nicht zuletzt König Ludwig II. zu verdanken. Er war der Mäzen Richard Wagners, dessen Inszenierungen des Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ enorm zur Verbreitung der Wikinger-Klischees beigetragen haben. Und auch im 21. Jahrhundert bleiben Bayern und die Wikinger eng verbunden: Der Film „Wickie auf großer Fahrt“ wurde 2008 unter Anderem am Walchensee gedreht. Das Filmschiff „Freya“ ist auf dem Lokschuppen-Vorplatz zu bewundern.

Andrea Aschauer

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