Internationale Grüne Woche 2015 – Eröffnung – Rede von Joachim Rukwied – Präsident des Deutschen Bauernverbandes

Es gilt das gesprochene Wort!

Anreden

Die Internationale Grüne Woche findet in diesem Jahr zum 80. Mal und seit 88 Jahren statt. Die Themen und Herausforderungen haben sich gewandelt – Die Internationale Grüne Woche hat dabei immer „mitgemischt“ und eine Plattform für den Wandel geboten. Sie steht für einen beständigen Wandel rund um die Themen Landwirtschaft und Ernährung.

Warum ist die Grüne Woche für Landwirte, Agrarpolitiker, Ernährungswirtschaft und Verbraucher in dieser langen Zeit immer interessant und spannend geblieben?

Sie verbindet alle diese Aspekte auf einzigartige Weise miteinander, sie war nie nur Verbrauchermesse, sondern war auch und in erster Linie eine „Messe“, eine Plattform für Agrar- und Verbraucherpolitik.

Wo auf der Welt sonst kommen über 400.000 Verbraucher und Landwirte sowie mehr als 60 Landwirtschaftsminister an einem Ort zusammen?

Diese Grüne Woche in ihrer Verbindung von Verbraucherschau und Plattform für internationale Agrarpolitik ist ein wertvolles Unikat für unsere gesamte Branche.

Daher ist es richtig, die nationalen und internationalen Debatten über Landwirtschaft und Ernährung bei dieser Grünen Woche zu führen.

Wir reden über die Sicherung der Welternährung, über den Welthandel, über den Erhalt unserer Böden, über nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien.

Und wir reden auch über Tierwohl und über neue Verbrauchertrends – und nicht zuletzt über die Zukunft der Landwirtschaft.

Die Debatten darüber, wie wir uns in diesen Bereichen weiterentwickeln wollen und können, gehören hierher auf diese Grüne Woche.

Die Bauern haben dabei vor allem den Wunsch, dass diese Debatten mit Fairness, Offenheit und mehr Sinn für die Realität geführt werden.

In den letzten Monaten ist der Ton dieser Debatten in Teilen von Politik und Öffentlichkeit schroffer geworden.

Teilweise wird versucht, kampagnenartig und mit falschen Behauptungen Stimmung gegen redliche Bauernfamilien zu machen.

Es ist nicht in Ordnung, wenn eine ganze Berufsgruppe damit in das gesellschaftliche Abseits gestellt wird – eine Berufsgruppe, die im internationalen Vergleich gute, herausragende Arbeit leistet und die sich auf Märkte und Verbraucher ausgerichtet hat. Die fortgesetzte öffentliche Anklage mit Begriffen wie „industrielle Landwirtschaft“, „Massentierhaltung“, „Doping im Stall“ tut letztendlich genau dies mit den Bauern.

In einem gesellschaftlichen Klima der Ausgrenzung wird es nicht gelingen, junge Landwirte für Zukunftsinvestitionen in moderne Landwirtschaft und Tierhaltung am Standort Deutschland zu gewinnen.

Aber auf solches Engagement, auf solche Investitionen sind wir angewiesen, wenn Landwirtschaft sich weiterentwickeln und verändern soll.

2015 wird nach allem was wir heute wissen an den meisten Agrarmärkten kein einfaches Jahr.

Nach dem Konjunkturbarometer Agrar ist in diesem Jahr auch ein deutlicher Einbruch bei den Investitionen zu erwarten.

Dennoch: Die Landwirte wollen und können unternehmerisch mit den Herausforderungen der Märkte umgehen. Auf eine veränderte Nachfrage werden wir uns einstellen, in quantitativer und qualitativer Hinsicht.

Das gilt auch für die so genannten gesellschaftlichen Anforderungen, wenn diese gemeinsam von Handel und Verbrauchern mitgetragen und letztlich über den Markt entwickelt werden.

Ich appelliere daher an alle Akteure der gesellschaftlichen Debatte, Realitätssinn zu entwickeln, das Machbare und das Wünschbare besser zu unterscheiden.

Veränderungen müssen an der Ladentheke gelingen und der Landwirtschaft in Deutschland eine entwicklungsfähige wirtschaftliche Perspektive geben.

Dafür gibt es eine gemeinsame Verantwortung, die wir nicht aus dem Auge verlieren dürfen.

Gerade bei der Tierhaltung, die besonders im Brennpunkt steht, kann eine Weiterentwicklung nur gemeinsam mit den Bauern, mit den Tierhaltern gelingen.

Neue Ansätze sind gefragt, um den Widerspruch zwischen Umfrage und Ladenkasse zu überwinden, um aus der Marktnische herauszukommen und um die gemeinsame Verantwortung von Landwirten, Handel und Verbrauchern auch wirtschaftlich abzubilden.

Ein Beispiel dafür ist unsere Initiative Tierwohl.

Ich bitte alle, unsere Initiative Tierwohl mit dem Lebensmitteleinzelhandel als große Chance für die Zukunft zu sehen, nämlich als Chance, einen Prozess der Weiterentwicklung unserer Tierhaltung außerhalb der Nische und mit wirtschaftlicher Rückendeckung vom Markt umzusetzen.

Auch von der Politik ist in dieser Situation Realitätssinn gefordert.

Zusätzliche nationale Regulierungen und Alleingänge in der Tierhaltung, im Umweltrecht, in der Düngeverordnung und beim Mindestlohn drohen für viele Betriebe zu untragbaren Belastungen zu werden.

Dass gerade diese immer neuen Regulierungen den Strukturwandel und die Aufgabe kleinerer Betriebe vorantreiben, ist eine bittere Erkenntnis der letzten Jahre.

Ich habe die Sorge, dass die Landwirte im Schraubstock zwischen den Märkten und den Vorgaben der Politik immer weiter zusammengedrückt werden.

Damit wäre ihnen der notwendige Freiraum für unternehmerische Entscheidungen genommen.

Mit dieser Sorge ist die Landwirtschaft als Branche nicht allein.

Die Einführung des Mindestlohns will ich besonders nennen – viele machen sich keine Vorstellung darüber, welche Welle an neuen Belastungen auf die Betriebe zurollt, unter anderem bei der Dokumentation der Arbeitszeiten aller Mitarbeiter.

Am Ende führt dies zum Verlust von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen.

Ich mache mir hier ganz grundsätzlich Sorgen um den Standort Deutschland.

Sehr geehrter Kommissar Hogan,

ich begrüße Sie als neu berufenen Agrarkommissar besonders herzlich bei der Grünen Woche in Berlin. Die gesamte Juncker-Kommission ist angetreten, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Wir unterstützen sie darin.

Ilse Aigner, unsere frühere Landwirtschaftsministerin, hat 2012 zum Greening gesagt: „Wenn am Ende nur die Bürokratie blüht, ist niemandem geholfen“.

Sehr geehrter Kommissar Hogan, die Bauern unterstützen Ihre Initiative, die Europäische Agrarpolitik zu vereinfachen und zu entbürokratisieren.

Die Grüne Woche war und ist immer auch ein Schaufenster der Landwirtschaft in der Stadt – mehr noch: eine Einladung zum Dialog mit der Landwirtschaft.

Auf unserem Erlebnisbauernhof haben wir in diesem Jahr den Erhalt fruchtbarer Böden und das Tierwohl als Schwerpunkte gesetzt.

Das ganze Jahr über öffnen Landwirtinnen und Landwirte in ganz Deutschland für mehrere Tage ihre Hoftore.

Für dieses große ehrenamtliche Engagement in der Öffentlichkeitsarbeit sage ich ganz herzlichen Dank.

Die Landwirtschaft ist offen. Offen für die Verbraucher und für die Medien. Offen zum Dialog und offen für Veränderungen. Veränderungen der Landwirtschaft sind dann erfolgreich, wenn sie zugleich wirtschaftlich, sozial und ökologisch tragfähig sind.

In diesem Sinne lade ich alle gesellschaftlichen Kräfte zum Dialog darüber ein, wie sich unsere Landwirtschaft in Zukunft entwickeln wird.

Zum Auftakt der 80. Internationalen Grüne Woche sage ich selbstbewusst für alle Bäuerinnen und Bauern: „Wir machen satt!“

Aber wir machen nicht nur satt: wir sorgen für den Erhalt fruchtbarer Böden, liefern gemeinsam mit den Waldbauern nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie.

„Wir bringen Genuss!“ – das können alle Bauern, Gärtner, Fischer, Jäger, Winzer und Imker gemeinsam mit allen Metzgern, Bäckern und allen anderen Sparten der Ernährungswirtschaft von sich behaupten.

Und wir machen den ländlichen Raum lebendig und lebenswert, gemeinsam mit den Landfrauen, mit der Landjugend und den vielen anderen ehrenamtlich Engagierten auf dem Lande.

Ihnen allen wünsche ich ein gesundes Jahr 2015 und eine erfolgreiche Internationale Grüne Woche!

 

Foto:

oben: IGW 2015, Eröffnungspressekonferenz;Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes e.V.

unten: IGW 2015; Eröffnungsrundgang; Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV); Dr. Christian Göke, Vorsitzender der Geschäftsführung, Messe Berlin GmbH; Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin; Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft; Niu Dun, Vize-Landwirtschaftsminister, China

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg