Festrede beim Keferloher Montag zur aktuellen Lage der Landwirtschaft

Beim traditionellen Keferloher Montag hielt heuer Dr. Thomas Grupp von der Bayern-Genetik GmbH in Poing die Festrede mit genauen Betrachtungen zur Stimmung und Lage der Landwwirtschaft in Bayern. Es obliegt mir heute die zweifelhafte Ehre, in einigen Gedanken zum Thema Landwirtschaft am Keferloher Montag zu reflektieren, an einem Ort, der wie kein zweiter in Bayern mit der Landwirtschaft, der Tierzucht und dem Handel von Nutztieren seit mehr als 1.000 Jahren verbunden ist.

Wie Sie alle wissen hat dieser Keferloher Montag, vor dem sich bis Ende des 19. Jahrhunderts die lokalen Gendarmerie- und königlichen Polizeieinheiten in München ungefähr so gefürchtet haben, wie wenn heute anstatt Finanzminister Markus Söder der türkische Präsident Recep Erdogan in Keferloh sprechen würde. Der Keferloher Montag hat in seiner jahrhundertelangen Geschichte als Marktort viele Höhen und Tiefen erlebt. Der Niedergang dieser Tradition ist eigentlich parallel verlaufen mit der zunehmenden Technisierung der bayerischen Landwirtschaft über einen Zeitraum von mittlerweile 70 Jahren und dem Verschwinden der Großviehhaltung aus der Stadt München bei gleichzeitig stark ansteigender Industrialisierung im sogenannten „Münchner Speckgürtel“.

Der Freistaat Bayern und insbesondere München und Umland, wo wir uns heute treffen, haben sich europaweit zu einem Hotspot für die Hightech-Industrie, zu einem Magneten für „Know-How“, Intelligenz und Innovation entwickelt, wie es weltweit nur wenige Standorte gibt.

Aber, verehrte Festbesucher, wir vergessen alle miteinander viel zu schnell, vor allem unsere Bürger aber auch unsere Politiker, dass bei dieser grandiosen Entwicklung nach dem Krieg – der Freistaat Bayern nach wie vor ein Agrarstaat geblieben ist und zwar mit einem gewaltigen Leistungspotential, nicht nur innerhalb Deutschlands,  sondern EU- und sogar weltweit. Es ist für unsere Landwirte deshalb unbegreiflich und  nagt auch ziemlich stark am Selbstwertgefühl, wenn diese Tatsachen unter den Teppich gekehrt werden und nicht mit demselben Stolz tagtäglich über die Medien verbreitet werden, wie bsp. Meldungen einer Siemens-, Linde-, Audi- oder BMW AG. Die Beschäftigten im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft in Verbindung mit tausenden bäuerlicher Familienbetriebe sollten uns eigentlich täglich vor Augen führen, was alles vom Bauernstand abhängig ist. Um es vielleicht mit anderen Worten auszudrücken, sagen wir am Keferloher Montag in aller Deutlichkeit –  „Die bayerischen Bauern sind wer, man kann sie nicht einfach negieren und was ganz wichtig ist, sie wollen nicht nur als Wahrer bayerischer Bräuche verstanden, sondern als Erzeuger hochwertiger Lebensmittel geschätzt und geachtet werden!“

Als ich vor mehr als 25 Jahren mein Landwirtschafts- und Tiermedizinstudium beendete gab mir damals meine Mutter, eine Winzer-Tochter aus dem württembergischen Taubertal, einen guten Rat: „Wenn Du in der Landwirtschaft bleiben willst, dann musst Du in das Land, wo Milch und Honig fließt“! Das war vor 30 Jahren der Freistaat Bayern und ist es auch heute noch. Meiner Mutter muss ich posthum, zumindest in Teilen Recht geben – die Milch fließt in Strömen, nur der Honig ist nicht mehr ganz so süß wie damals!

Wenn wir die aktuelle Situation der Landwirtschaft betrachten, so müssen wir ganz nüchtern feststellen, dass ein zentrales Problem unserer Zeit in der Entfremdung großer Teile der Bevölkerung von der Landwirtschaft im Allgemeinen und dem Bauernstand im Besonderen besteht. Hatte Ende des 2. Weltkriegs, Gott sei Dank, noch fast jede 2. oder 3. Familie direkte verwandtschaftliche Beziehungen zu einem Bauernhof oder einem „Sacherl“, so ist dies heute durch den dramatischen Strukturwandel zu einem fast hoffnungslosen  Verhältnis geschrumpft worden – die Konsumenten, unsere Kunden wissen häufig nicht mehr, wie Landwirtschaft geht und vor allem „wie wir ticken“. Das Bewusstsein, dass ein Land immer in der Lage sein sollte sich selber zu versorgen, ist nur noch marginal vorhanden. Gott sei Dank haben bei uns fehlende Notzeiten der letzten 70 Jahre solche Ängste vertrieben – und der Handel zeigt es, Aldi und Lidl haben jeden Tag neue Ware, warum sich also Sorgen machen.

Paradoxerweise hat sich aber in den Köpfen der Verbraucher ein Bild der Landwirtschaft einzementiert, dass nur mit „idyllischen Wahnvorstellungen“ zu umschreiben ist – kurz gesagt – Pro Bauernhof maximal 10 Kühe, 5 Schweine, 15 Hühner, vielleicht noch ein Pferd und am besten mäht der Bauer seine Wiesen noch mit der Sense. Diese Irrealität ist gefährlich, denn sie ist die Basis der Gleichgültigkeit für einen darbenden Berufsstand. Ein prosperierender Bauernstand, eine moderne und leistungsfähige Landwirtschaft, die vor allem den Bauern ein Auskommen ohne demütigende Subventionen gewährleistet, entspricht leider nicht mehr dem Idealbild aus der Kinderzeit, ein Verlust solcher Strukturen wird deshalb stillschweigend oder achselzuckend akzeptiert.

Wagen wir gemeinsam einen kurzen Blick in die Realität – Große Teile unserer landwirtschaftlichen Betriebe befindet sich aktuell in existenzieller Not. Mir sind derzeit nur 2 Bereiche bekannt, die sich nicht in der Krise befinden – die Ziegenmilchproduktion und der Hopfenanbau.

So haben die Ferkelerzeuger und Schweinemäster, die sich seit Jahren in der Preiskrise befinden, bereits kaum mehr die Kraft, um sich öffentlich zu Wort zu melden, da Sie gleichzeitig befürchten müssen, in der Massentierhaltungsdebatte und Antibiotika-Diskussion sofort wieder an den Pranger gestellt zu werden. Deshalb schließen viele Betriebe heimlich, still und leise die Hoftore, denn sie wollen ihren Kindern und Enkeln mehrjährige Durststrecken mit Stundenlöhnen unterhalb des vieldiskutierten  Mindestlohnes und öffentliche Anfeindungen nicht mehr zumuten. Gleichzeitig entstehen in unseren östlichen Nachbarländern Stalleinheiten von 5.000 – 20.000 Zuchtsauen, wo es keine tägliche öffentliche Diskussion um Tierwohl oder Emissionen gibt, denn dort ist man froh, dass man überhaupt Investitionen aufs Land und damit Arbeitsplätze bekommt. Niemand muss hier ein Prophet sein, dass das Fleisch dieser Tiere bzw. die daraus produzierten Mastschweine aus realer industrieller Massentierhaltung irgendwann auf die Teller der bayerischen und deutschen Verbraucher gelangen mit dem entscheidenden Vorteil für Otto Normalverbraucher – das Fleisch ist eventuell noch billiger und die Gesellschaft hat das Problem eines bayerischen Massentierhaltungsbetriebes mit 300 Zuchtsauen  vor der Haustüre gelöst. Um das Problem mit konkreten Zahlen zu  unterlegen – vor 15 Jahren hat Bayern noch über seine Grenzen hinaus Ferkel „exportieren“ können – heute importieren wir bereits 1,5 Mio. Ferkel pro Jahr aus Holland und Dänemark zur Mast, weil die arbeitsintensive Ferkelerzeugung bei uns langsam aber sicher vor die Hunde geht.

Seit einem knappen Jahr befindet sich auch die europäische und weltweite Milchviehhaltung, aufgrund katastrophaler Auszahlungs-preise, die weit unter den Gestehungskosten liegen, in einer existenziellen Krise, die ich oder jeder hier anwesende Milchbauer so in seinem bisherigen Leben wohl noch nicht erlebt hat. Da es sich um einen weltweiten Preisverfall handelt, ausgelöst durch die Aufgabe der Milchquote innerhalb der EU ist man eigentlich erstaunt, wie wenig sich die Verantwortlichen um die Folgen dieser Entscheidung gemacht haben, da der Ausstieg aus regulierten Märkten immer mit einem Einbrechen der Preise verbunden ist. Ich hätte mir gewünscht, dass nach der Milchkrise 2008 der Bauernstand die Zeit genutzt hätte, um sich mit einem Plan B auf die Zeit „danach“ vorzubereiten. Nun holt sich der „Pleitegeier“ momentan die Betriebe ab, die entsprechend den Beratungs-Empfehlungen in die neue Zeit investiert haben, die eigentlich alles richtig gemacht haben – eine geradezu groteske Situation. Der durchschnittliche bayerische Milchviehbetrieb, auch das sollte hier einmal gesagt werden, hält nach wie vor ca. 45 Milchkühe, die Wachstumsschritte sind im Freistaat weit geringer als in anderen deutschen Bundesländern, er liegt bei ca. 80 Kühen. Strukturen, die für Familien passend sind, sofern Einkommen daraus generiert werden kann. Während die Einzelbetriebe mehr Kühe halten, hat der Freistaat Bayern zwischen 1985 und 2015 mehr als 1 Mio. Kühe + entsprechende Nachzucht verloren, dies bei einem derzeitigen Gesamtbestand in Deutschland von 4,5 Mio. Kühen. Trotzdem steht noch jede 4. deutsche Kuh in Bayern.

Die Getreide- und Kartoffelbauern haben ebenfalls überaus magere Jahre hinter sich und vor allem beim Getreide, das wissen die heute hier anwesenden Ackerbauern, sind die Preise auch in diesem Jahr wieder auf einem Niveau, wo man leider sagen muss, das ganze Jahr gearbeitet und nichts verdient. Da nützt es auch nichts, wenn bei Stiftung Warentest das Bier aus Oberbayern am besten abschneidet, wenn es um die Insektizid- oder Pestizidrückstände geht. Die Braugerste und das Malz der Münchner Großbrauereien kommt zu einem großen Teil von Ihren Betrieben bzw. aus hiesigen Mälzereien und das beste Brauwasser der Welt kommt aus dem Oberland – mit diesen Zutaten wird das beste Bier weltweit gebraut

Das zentrale Problem – der Wert unserer Lebensmittel!

Wie es der Name schon sagt benötigt der Mensch „Mittel zum Leben“ – sprich „Lebensmittel“. Eigentlich wäre es im Sinne des eigenen Körpers eine Selbstverständlichkeit, dass man hierbei die allerhöchsten Qualitätsansprüche an das Essen hat, denn für den eigenen Verbrauch sollte eigentlich nur das „Beste“ gut genug sein. Doch weit gefehlt. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Kulturstaaten wie Italien, Frankreich, Spanien oder Österreicht handelt der Deutsche beim Lebensmitteleinkauf und da nehmen wir den Freistaatler aus Bayern nicht aus, völlig anders, eigentlich pervers.

Alle Dinge, die der Nachbar sehen kann – Haus, Kleidung, Auto, Handy, Urlaubsreise müssen vorzeigbar sein, d.h. hier setzt man auf Qualitätsmarken, auf bekannte Logos, die für alle leicht erkennbar sind. Selbst der öffentlich getrunkene Kasten Bier, den Jugendliche am Abend, teilweise mit vieler Müh´ an den Baggersee oder an die Isar schleppen, muss aus dem Hause „Augustiner“ oder „Tegernseer“ kommen, entschuldigen Sie bitte die Schleichwerbung für unseren Festwirt.

Aber alles was sich innerhalb der eigenen 4 Wände abspielt wird dem Credo „Geiz ist geil“ unterworfen. Schweinefleisch das Kilo für 1,99 €, den Joghurt für 15 oder den Liter Milch für 50 Cent – Hauptsache billig, mein Nachbar schaut ja nicht zu und die Werbung verkündet mir täglich, was wirklich „trendy“ ist. Wie unterschiedlich Verbraucher auf die Not der bäuerlichen Betriebe reagieren, konnte ich gerade selber in Australien beobachten. Dort sind die Milchpreise ebenfalls auf niedrigstem Niveau, die Supermärkte versuchen mit „Eigenmarken“ den Verbraucher anzulocken und die Macht der Molkereien zu brechen – und wie verhält sich der Australier? Er kauft nur noch die teureren Marken, die Supermärkte bleiben auf Ihren Lockangeboten sitzen. In Deutschland – undenkbar, wir bekommen Solidarität nur dann, wenn die Kunden von Zeitungen oder Fernsehanstalten interviewt werden – da ist der Deutsche ein „Bauernfreund“ und „Maulheld“ zugleich. Da gibt er verbal gerne 1 € für den Liter Milch oder 10 € für das Kilo Schweinebraten aus – aber nur dort!

Doch, verehrte Festgäste, wir Bauern haben Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt. Wie uns die Schweiz und Österreich vormachen, muss der Ansatz „Regionale Qualität aus Bayern“ sein.  Die Verbraucher brauchen regionale Anlaufstellen (Bauernmärkte, Hofläden, Milchtankstellen), wo sie Landwirtschaft wieder anfassen und begreifen können. Es freut mich besonders, dass gerade in Bayern diese Kleininitiativen gerade wie Pilze aus dem Boden schießen. Die hiesigen Bauern produzieren Lebensmittel in einer Vielfalt, Hygiene und Qualität, die wir seit Beginn der Besiedelung Bayens noch niemals hatten. Darum beneiden uns viele, lasst es uns beim täglichen Einkauf selber erleben.

Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt: „Man muss dem Körper etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu leben! Dazu besteht heute in Keferloh eine gute Möglichkeit, die Sie nutzen sollten – ein Augustiner Festbier in Verbindung mit Schmankerln aus bayerischen Ställen. Helfen Sie als Verbraucher mit, damit Bayern dieses Bayern bleibt, das uns im In- und Ausland so beliebt, lebenswert und nachahmenswert macht.

Ohne starken Bauernstand als Erzeuger qualitativ hochwertiger Lebensmittel und Bewahrer von Traditionen und Bräuchen wird dies nicht mehr lange möglich sein.

Deshalb last uns auf diese Hoffnung anstoßen und trinken – ich darf Ihnen einen friedlichen und interessanten Keferloher Montag wünschen, von dem wir morgen hoffentlich in der Zeitung lesen – Es war gut, dass wir dabei waren und es ist gut, dass es da Leute gibt, die diese Tradition am Leben erhalten.

Herzlichen Dank!

Foto: Hötzelsperger – Festredner Dr. Thomas Grupp (re.) mit Ehrenvorsitzenden Anton Reichlmair von den Keferloher Freunden

 

 

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg