Eröffnung des Bürgerfestes: die Rede des Bundespräsidenten

Sie alle, liebe Gäste, haben Daniela Schadt und mir hier oben auf der Bühne einen wunderbaren Anblick beschert, denn Sie sind unserer Einladung gefolgt. Und so ist der Park von Schloss Bellevue heute Abend erneut ein Abbild unserer Bürgergesellschaft. Mehrere tausend freiwillig engagierte Frauen und Männer aus ganz Deutschland sind hier, Menschen, die in ihrer Freizeit Sportvereine, Kirchenchöre oder Kulturcafés leiten, die Senioren oder Flüchtlingskinder unterstützen, die als Schöffen oder Gemeinderatsmitglieder aktiv sind, die sich für den Erhalt von Kulturschätzen oder für eine intakte Umwelt einsetzen, die als Katastrophenhelfer oder Ärzte im Ausland ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren.

Viele von Ihnen sind schon etliche Jahre oder Jahrzehnte engagiert, mancher sogar in mehrfacher Hinsicht als Mutbürger in Uniform – hauptberuflich Stabsfeldwebel, ehrenamtlich Feuerwehrmann. Die Liste der guten Taten ist lang und beeindruckend. Auch wenn ich nicht alle Beispiele aufzählen kann: Möge sich jede und jeder von Ihnen angesprochen fühlen, meine Damen und Herren, denn wir wollen Ihnen heute vor allem eines sagen: Danke, tausendfach danke für Ihren Einsatz!

Mit „wir“ meine ich nicht nur Daniela Schadt und mich. In der ersten Reihe sitzen Politikerinnen und Politiker, deren Anwesenheit deutlich zeigt: Sie schätzen und unterstützen die aktive Bürgergesellschaft. Es freut mich sehr, Sie hier begrüßen zu können.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wir werden gleich Gelegenheit für einen kleinen Rundgang über das Festgelände haben und einige Beispiele dafür sehen, was engagierte Bürgerinnen und Bürger in unserem Land täglich leisten. Diese Menschen – so verschieden sie sein mögen und so unterschiedlich ihre Arbeit ist – haben eine gemeinsame Haltung: ihr eigenes Leben und unsere Gesellschaft aktiv zu gestalten. Über manche Probleme nicht in erster Linie zu jammern, und nicht vor ihnen wegzulaufen, sondern sie anzugehen und die Dinge gemeinsam mit anderen zum Besseren zu verändern. Auf diese Haltung können wir stolz sein – ich als Bundespräsident und wir alle. Und ich freue mich, Frau Bundeskanzlerin, dass wir diese Menschen heute gemeinsam würdigen.

Sehr geehrter Herr Premierminister, vor ein paar Tagen durfte ich in Ihrer Heimat zu Gast sein. Dass wir die europäischen Brückenschläge heute mit Belgien als Partnerland des Bürgerfestes fortsetzen, passt natürlich wunderbar – politisch, künstlerisch und nicht zuletzt kulinarisch.

Und ganz in der Nähe sitzen die Damen und Herren Bundesminister. Ich grüße Sie!

Auch eine Landesregierung ist heute dabei. Herr Ministerpräsident Albig: Dass mit Schleswig-Holstein der Norden Deutschlands in Bellevue vertreten ist, freut mich als Mensch von der Küste ganz besonders. Schleswig-Holstein nennt sich selbst ja manchmal das „Land zwischen den Meeren“, aber Sie werden später hier auf der Bühne auch Themen ansprechen, die unser ganzes Land beschäftigen – nämlich dann, wenn es um Vielfalt in unserer Gesellschaft geht und um die Bildungspolitik.

Ich weiß, solche Diskussionen führen auch Sie derzeit häufig, sehr geehrte Damen und Herren aus dem Bundestag. Ihre Anwesenheit ist nicht nur ein Zeichen der Anerkennung für das Ehrenamt, sie ist auch Ausdruck unseres gemeinsamen Politikverständnisses und das heißt: Regierende und Regierte, Politiker und Bürger sollten sich nicht begegnen als entferntes Gegenüber, sondern in einem Miteinander, im Dialog an allen Tagen des Jahres. Sie alle haben in Ihren Wahlkreisen regelmäßige Sprechstunden, Sie sind ansprechbar für alle Bürger und auf der oft mühsamen Suche nach echten Lösungen für deren Probleme. Heute sind Bürger aus allen 16 Ländern versammelt. Wenn Sie, liebe Abgeordnete, dieses Fest als erweiterte Bürgersprechstunde begreifen, ist das ganz im Sinne des Bundespräsidenten!

Als ich mich vor fünf Jahren entschieden habe, kein Sommerfest, sondern ein Bürgerfest zu veranstalten, da war nicht ganz klar, ob die Mischung aus leichter und ernsthafter Unterhaltung aufgehen würde. Heute bin ich sehr froh über diese Entscheidung: Nie zuvor in meinem Leben habe ich so viel über die Freiwilligenarbeit gelernt wie bei unseren Bürgerfesten. Die Gespräche mit Verbänden, Vereinen und Initiativen, mit so vielen leidenschaftlichen Persönlichkeiten haben mir die stärksten Seiten unseres Landes gezeigt.

Sie waren aber auch eine Art Seismograph dafür, was die Ehrenamtlichen gerade umtrieb. Themen wie der demographische Wandel oder die manchmal schwierige Nachwuchssuche fürs Ehrenamt zogen sich durch alle Jahre. Auch die grundsätzlichen Fragen: Wann wird die Freiwilligenarbeit zum Lückenbüßer? Wie viel Hauptamt braucht das Ehrenamt? Wie können die drei großen Sektoren – Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – noch besser kooperieren? Wie gelingt Modernisierung im Engagement, etwa durch den Einsatz sozialer Medien oder neue Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding? All dies haben wir natürlich nicht zufällig, sondern im Lichte aktueller Ereignisse diskutiert. 2013 waren es beispielsweise die Flutkatastrophe und die Bundestagswahl, im vergangenen Sommer die spontanen Hilfsaktionen für Flüchtlinge.

Ich möchte auch in diesem Jahr solchen aktuellen Themen Raum geben – besser gesagt: einen eigenen Ort, unseren „Ort der Begegnung“. Er steht 2016 unter dem Motto „Vielfalt bewegt“. Wer wissen möchte, welche Erfahrungen ehrenamtliche Paten und Vormunde mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen machen, der wird es dort hören. Oder warum aus einem Stipendienprogramm mit dem Namen „START“ ein Neustart wurde. Oder wie unsere belgischen Nachbarn die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund fördern. Fühlen Sie sich herzlich eingeladen, mitzudiskutieren. Ein runder Wein und ein kantiges Argument passen oft gut zusammen.

Unsere Partner haben gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundespräsidialamtes jedenfalls alles vorbereitet, damit dieser Abend unterhaltsam wird. Dafür möchten Daniela Schadt und ich herzlich danken: All denen, die ihre Projekte präsentieren und uns mit ihren Köstlichkeiten versorgen. All denen, die auf und hinter den Bühnen aktiv sind. All denen, die schon seit Monaten daran mitgewirkt haben, dass heute genügend Teller, Tassen und Kilometer Kabel parat sind. Es ist viel Hingabe in die Vorbereitung geflossen – von kleinen Vereinen wie von großen Unternehmen. Ich spreche jetzt auch in ihrem Namen, wenn ich sage: Das Bürgerfest 2016 ist eröffnet!

Rainer Nitzsche

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