Erinnerungen an die Schule Grainbach am Samerberg – von Helga Bauer

In Grainbach am Samerberg wurde in diesen Tagen das alte Schulgebäude abgerissen. In dieser Schule, die bis 1999 fast 80 Jahre schulische Aufgaben erfüllte, spielten sich viele Samerberger Geschichten ab. Einige davon weckten beim Abriss die Erinnerungen der Samerberger, vor allem bei jenen Leuten, die dort zur Schule gingen oder in den Schulzimmern unterrichteten. Eine Lehrerin war Helga Bauer aus Hartbichl, sie war von 1976 bis 1988 Lehrkraft für die ersten Grundschulklassen. Frau Bauer hat den Abriss der Schule genau beobachtet und diesen sowie ihre Erinnerungen festgehalten.

hö/Fotos: Helga Bauer und Dietmar Scholz – Eindrücke vom Abriss der Schule in Grainbach bis nichts mehr übrig blieb…
hö/Repro: Helga Bauer (li.) als Lehrerin mit einer Grainbacher Schulklasse im Oktober 1985

Nähere Informationen: Helga Bauer, Telefon 08032-8763

Gedanken werden wach beim Abriss des Grainbacher Schulhauses – von Helga Bauer

Zuerst war ich nur neugierig, um zu sehen, wie so ein Hausabriss gemacht wird. Zeit hatte ich auch gerade, und nachdem ich im Vorbeifahren sah, dass gerade an der Außenwand von meinem alten Klassenzimmer (ich unterrichtete dort 12 Jahre die 1. bzw. 2. Klasse Grundschule), die Außenwand abgerissen wurde, fuhr ich schnell heim und holte meinen Fotoapparat. Als jetzt nur noch die weiße Wand zu sehen war, wurden die alten Erinnerungen wieder lebendig: An dieser Wand hingen die wunderschönen Kinderzeichnungen meiner Schüler. Auf großen Blättern hatten sie in Gemeinschaftsarbeit Themen zu einem Märchen gestaltet.
Damals kam dann der Schulrat zur Visitation. Er sagte nichts über die schönen Werke, er meinte nur am Schluss der Besprechung: “Frau Bauer, ich verbiete ihnen die Märchen!“ Der Zeitgeist der 1980er-Jahre war halt sehr auf Nüchternheit beschränkt. Ich ließ dies nicht auf sich beruhen, fuhr zu seiner Sprechstunde ins Schulamt und erklärte ihm, wie wichtig Märchen seien. Da hat er dann tatsächlich einen Rückzieher gemacht, und ich durfte weiterhin den Kindern Märchen nahebringen.

Mein Klassenzimmer ist bei einem weiteren Blick schon weg. Man sieht jetzt den Gang und den Eingang zu Frau Baaders Klassenzimmer. Links neben der Türe am Gang hing ein Foto vom früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Ein Schüler meiner Klasse hat sich da Gedanken gemacht: Damals wurden nur verheiratete Frauen mit „Frau“ angesprochen, alle anderen weiblichen Personen mit „Fräulein“. So dachte mein Schüler ganz folgerichtig, die Lehrerin in diesem Klassenzimmer muss verheiratet sein, weil sie mit „Frau“ angesprochen wird. Und weil ein so schönes Foto von einem Mann da hängt, fragte er mich: “Frau Bauer, is des da Frau Baader sei Mo?“ An diesem Platz hing dann später das Foto vom Joham Hartl, dem Bernhard Braun aus Wiedholz, der 1953 den Bezirk Inn-Chiemgau im Musikbund Ober- und Niederbayern gegründet hatte. Mit der Musikkapelle Samerberg durften wir von 1999 bis 2014 den 1. Stock des alten Schulhauses benutzen.

Mit meinen Schülern hab ich jeweils zur Weihnachtszeit einen Plätzchenteig hergestellt mit Aufschreiben der Zutaten und der Tätigkeiten dabei. Mit Freude wurden dann die Nussplätzchen ausgestochen und auf Backbleche gelegt. Im Parterre wohnte zuerst die Familie Osterhammer, dann die Familie Heibler. Die Frauen waren dann so freundlich und haben uns die Plätzchen in ihrem Ofen gebacken. Das war jedesmal ein Fest! Die Ölöfen in den beiden Klassenzimmern waren ja schon eine fortschrittliche Einrichtung, davor wurde mit Holz und Kohlen geheizt. Wer aber neben dem Ölofen sitzen musste, der hatte Schweissperlen auf der Stirn. Immer wieder passierte es auch, dass ein Anorak zum Trocknen draufgelegt wurde, der begann dann zu schmelzen. Weil ja nur zwei Klassen in diesem Schulhaus waren, konnten wir uns mit der Zeiteinteilung frei bewegen. Auf dem Pausehof wurde geturnt, wenn das Wetter passte und im Winter konnte ich die Turnstunden zum Skifahren selbst einteilen. Da hab ich am Tag vorher auf dem Neubauer Biche (Osthang neben der Kirche) Sprungschanzen hergerichtet, die sich dann über Nacht verfestigten. Wer den Pflugbogen konnte, durfte Sprungschanze fahren. Unglaublich, wie schnell die Kinder den Pflugbogen konnten!
Bei einem weiteren Blick sieht man nur noch den Ostteil der Schule mit dem Treppenaufgang. Hier hörte
ich in Gedanken wieder das Knarzen der hölzernen Stufen. Viele Erinnerungen wurden mir auch von Zuschauern beim Abbruch erzählt. Es ist interessant, wie viel da nach langer Zeit im Gedächtnis der ehemaligen Schüler lebendig ist.

Anton Hötzelsperger

Nachrichten

Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg