Die Vogelwelt des Chiemseegebietes – Buchvorstellung im Hatzhof

Im Beisein zahlreicher, prominenter Ornithologen, Vogelkundler, Natur-Fachleuten und Naturinteressierten aus dem Chiemgau wurde heute das Buch „Die Vogelwelt des Chiemseegebietes“ im Hatzhof in Bernau am Chiemsee vorgestellt.

Das mit 529 Seiten Umfang vorgestellte Buch der Autoren Dr. Michael Lohmann (verstorben im 31 Juli 2013) und Bernd Ulrich Rudolph, dem aktuellen Leiter der bayerischen Vogelschutzwarte in Garmisch-Partenkirchen, ist sicher ein Schwergewicht seiner Art.

Unter der Moderation von Robert Pfeifer, Generalsekretär der Ornithologischen Gesellschaft Gesellschaft (OG) Bayern beleuchteten die Grußworte von Manfred Siering, dem Vorsitzenden der OG Bayern sowie dem von Sabine Pröls, der Leiterin der LBV Regionalstelle Inn-Salzach und Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Chiemsee wichtige Punkte, wie es zu dem Buch kam. Dabei beleuchteten sie auch die tragende Rolle, die Dr. Michael Lohmann im Verlaufe von fünf Jahrzehnten dabei spielte. Ganz besonders ging Gerhard Märkl, Vorsitzender der Ortsgruppe Prien des Bundes Naturschutz in Bayern auf das Schaffen von Dr. Michael Lohmann ein. Dabei wurde auch herausgestellt, dass Michael Lohmann früh erkannt hat, dass Erfolg im Naturschutz sich nur dann einstellt, wenn man über einen langen Atem verfügt. Ein besonders gutes Beispiel sind die Beobachtungsstürme, die vor gut zehn Jahren rund um den Chiemsee mit Mitteln des EU Projektes LIFE gebaut werden konnten und sich heute großer Beliebtheit erfreuen. Gebaut nach den zahlreichen Vorbildern aus anderen Regionen, wie zum Beispiel der Bodenseeregion im Bereich des Wollmattinger Riedes oder zahlreicher Norddeutscher Gewässer, sind sie heute kaum mehr wegzudenken.

Die Vorstellung des Buches “Die Vogelwelt des Chiemseegebietes“ übernahm der Autor Bernd Ulrich Rudolph, derzeit aktueller Leiter der Staatlichen Vogelschutzwart in Bayern, in kurzweiliger Form im Rahmen einer PowerPoint Präsentation: In seinen Vortrag ließ Herr Rudolph auch eine Reihe persönlicher Erfahrungen einfliessen, die den Autor mit dem Gebiet seit Jahrzehnten verbinden und zum Kenner des Gebietes werden ließen .

Das Buch enthält in elf Kapiteln sowohl naturschutzfachliche Darstellungen sowie Hintergründe zum Bearbeitungsgebiet, das mit 1360 km² einen Großteil des Chiemgaus umfasst und das Auswertungsergebnis der jahrzehntelangen Vogelbeobachtungen. Ausgewertet wurden 108 518 Datensätze von 40 Mitwirkenden. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass das Datenmaterial nicht repräsentativ für den Chiemgau ist. So sind etwa 40 % der Daten aus dem Naturschutzgebiet Mündung der Tiroler Achen, 6 % aus dem Irschener Winkel. Es wurden sowohl Beobachtungen aus der Zeit „vor dem Internet“ als auch aus der Gegenwart zum Beispiel aus dem Internetportal für Ornithologen „ornitho“ ausgewertet. Dazu gehören über 361 Monatszählungen aus ca. 47 Jahren. Der älteste Datensatz stammt sogar aus dem Jahr 1876.

Bis heute wurden im Beobachtungsgebiet 329 Vogelarten nachgewiesen. Es wurde darauf hingewiesen, dass besondere Daten aus dem Gebirgsraum der Chiemgauer Alpen von Nikolaus Mieslinger zur Verfügung gestellt worden sind.

Im Beobachtungsgebiet haben nachweislich 180 Vogelarten gebrütet, vier Arten wahrscheinlich gebrütet. Die Zahl der regelmäßig brütenden Arten wurde mit 147 angegeben. Zehn Arten brüten unregelmäßig und acht Vogelarten gelten als ausgestorben. Als ausgestorben gelten: Fischadler, Purpurreiher, Rebhuhn, Raubwürger, Rotschenkel, Rohrdommel, Flussseeschwalbe, Wiedehopf und Birkhuhn im Alpenvorland. In den Chiemgauer Alpen kommt die Art noch vor.

Zu den seltensten Arten zählen: Alpenschneehuhn, Moorente, Knäckente, Löffelente, Wendehals, Steinadler und Rotmilan. Von keiner dieser genannten Arten konnten mehr als fünf Brutpaare festgestellt werden.

Für eine Reihe von Vogelarten war auch die Einwanderung neuer Nahrungsstiere, wie etwa der Dreikantmuschel von Bedeutung. Nach heutigen Erkenntnissen, profitierten davon die Arten Blesshuhn, Reiherente, Tafelente und Schellente.

Nährstoffmessungen im Chiemsee, die seit 1981 durchgeführt werden, belegen ebenso, dass nach 1989 aufgrund der Chiemseeringkanalisation das Nährstoffangebot zurückging und damit auch die Lebensraumkapazität für eine Reihe von Wasservogelarten, deren Nahrungspflanzen davon betroffen sind. Die Kolbenente scheint von der Zunahme der Armleuchteralgen im Chiemsee profitiert zu haben. Ihre Bestände haben zugenommen.

Zur Beurteilung von Bestandsentwicklungen ausgewählter Wasservogelarten wurde auch der Fangertrag der Berufsfischer zwischen 1960 und 2010 herangezogen. So nahm der Fangertrag ab den achtziger Jahren ab und erreichte seinen Tiefpunkt 1995. Danach war er wieder leicht ansteigend.

Die Bedeutung der am Chiemsee ausgewiesenen Schutzzonen für die Vogelwelt wurde ebenso an besonderen Beispielen herausgestellt und überzeugend begründet. So sind eine Reihe von Wasservogelarten auf diese Schutzzonen besonders im Verlauf ihrer Schwingenmauser, in der sie für eine kurze Zeit flugunfähig sind und daher besonders an ungestörte Nahrungs- und Aufenthaltsbereiche gebunden sind, angewiesen. Die größte Bedeutung haben hierbei die großen Schutzzonen der Kernzone des Naturschutzgebietes Mündung der Tiroler Achen und der Irschener Winkel, wo sich 70 % aller Wasservögel des Chiemsees zwischen 1. August und 15. September aufhalten.

Abschließend richtete Bernd Ulrich Rudolph eindringlich folgende Vorschläge zur Sicherung und Verbesserung der Lebensräume im Chiemseegebiet an die Verantwortlichen:

> Bau eines Naturschutzzentrums im oder am NSG Mündung der Tiroler Achen

> in diesem Zusammenhang: ein echtes, zugängliches Wildnisgebiet für Menschen

> den Rückbau der Achendämme

> den Verzicht auf die Bejagung der Wasservögel am Chiemsee

> die Ausweisung weiterer Ruhezonen

> den Bau weiterer Beobachtungsstürme
> die Ausweisung von Ruhezonen auch an anderen Seen
> Zurückhaltung bei Baumaßnahmen wie Wege- und Straßenbau

> Umsetzung eines wirksamen Gewässerschutzes

Durch die Umsetzung dieser Maßnahmen sollen die derzeit erkennbaren Schwachstellen im Arten- und Biotopschutz beseitigt oder gemindert werden.

Wie eine ganze Reihe von aktuellen, hochwertigen Bilddokumenten aus dem Bearbeitungsgebiet überzeugend zeigten, ist derzeit dringend erforderlich dem massiven, derzeit rund um den Chiemsee sichtbaren Biotopschwund Einhalt zu gebieten und die noch vorhandenen Lebensräume nachhaltig zu sichern.

Bericht und Bilder: Wolfgang Dietzen, Dipl.-Forstwirt und Wildbiologe

Das Buch „Vogelwelt des Chiemseegebietes“ von Michael Lohmann und Bernd Ulrich Rudolph ist ab sofort im Buchhandel erhältlich  – ISBN: 978 -3- 00- 052054 – 9

 

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg