Des Boarische is wieder „in“ – ein Gastbeitrag von Andreas Estner zum 79. Gaufest des Chiemgau-Alpenverbandes

Andrea Aschauer —  29. Juli 2015
Andreas Estner im Porträt

Andreas Estner im Porträt

Prien (hö) – Zur Festwoche des Chiemgau-Alpenverbandes, die noch bis zum Montag, 3. August beim Trachtenverein Prien läuft (siehe www.gaufest-prien.de) hat der BR-Moderator, Journalist und Musikant Andreas Estner einen Gast-Beitrag für die Festschrift zur Verfügung gestellt. Nachfolgend der Beitrag:

Das Boarische ist wieder „in“

Manchmal kann man es gar nicht glauben und reibt sich die Augen.  Und dann schaut man nochmal hin. Und dann ist es wirklich so:  Wenn die jungen Tanzlmusiken aufspielen, stehen in langen Schlangen junge Menschen an der Kasse im besten boarischen Gwand und wollen hinein – so, als ob es immer schon so gewesen wäre. Wer aber zehn Jahre zurückdenkt, der weiß, es war lange nicht mehr so. Ob beim Volkstanz oder bei den Oberkrainertänzen – die Tänzer sind immer öfter ausgeblieben. Sie gingen lieber zu „Rock im Stodl“, zur „Fuiznparty“ oder zum „Burning Beach-Kirda“. Das tun sie zwar heute noch, aber trotzdem hat sich etwas radikal verändert. Die „Boarische-Tanzmusi“ erlebt einen Zulauf, mit dem niemand gerechnet hätte. Und nicht nur die Tanzmusi.

Boarisch ist wieder „in“

Man reibt sich auch die Augen, wenn die Kindergruppen der Trachtenvereine aufmarschieren. Es sind Scharen, die (vielleicht) noch nie so groß waren wie heute. Damit nicht genug. Am Oktoberfest in München ist jetzt plötzlich ein jeder „out“, der keine Tracht (oder was man dafür halten mag) anhat, früher war es genau andersherum. Das Bayerische Fernsehen produziert eine Soap im Dialekt und der Bayerische Rundfunk gründet eine ganze Welle „BR Heimat“ mit bayerischer Musik rund um die Uhr –  als erster öffentlich-rechtlicher Sender im deutschsprachigen Raum. Während wir vor 10 Jahren noch Angst hatten, dass unser Landl samt seiner Kultur den Bach hinunter geht, ist jetzt scheinbar alles anders. Was ist da passiert?

Trendforschung

Manche meinen, man kann es ganz einfach auf den Nenner „Globalisierung“ bringen, aber das ist vielleicht ein bisserl zu einfach. Ich glaube, man könnte einen ganzen Stab an Trendforschern, Soziologen und Volkskundlern eine Zeit lang beschäftigen um es genau herauszufinden. Das führt aber hier zu weit, drum ein paar Beobachtungen in aller Kürze. Zunächst einmal die „Medien-Sicht“. Vor 15 Jahren wurde man mit einer bairischen Färbung im Sprechen in den Medienhäusern noch belächelt, eigentlich hatte man kaum eine Chance. Dann kam plötzlich der junge Regisseur Marcus H. Rosenmüller aus Hausham im Oberland mit seinen großartigen Filmen im Dialekt in die Kinos. Eine Begeisterungswelle schlug durch die ganze Republik. Dann kamen Claudia Koreck, die Tradimixler, Stefan Dettl, die Kabarettistin Monika Gruber u.v.a., es war wie eine kleine „bairische Revolution“ auf den Bühnen, in Fernsehen und Radio. „Das Bairische“ wurde in den Redaktionen der Medienhäuser neu wahrgenommen, als „hipp“, als quotenträchtig. Die Jungen in der Stadt entdeckten es ebenfalls auf eine neue Art und Weise und es wurde binnen weniger Jahre „cool“, mit T-Shirt und irgendeiner alten Lederhose an der Isar zu grillen mit einem Flaschl Regionalbier in der Hand. Mords alternativ. Die andere Sicht, die Sicht aufs Land, geht anders. Das „guade Gwand“ hat schon immer dazugehört. Vielleicht aber selten so intensiv, so freiwillig und so selber-gewollt wie im Moment. Grad bei den Jungen.

Volkskultur und Volksmusik

Einen großen Einfluss hat in diesem Getriebe vielleicht die Volksmusik als Schmierfilm. In den vergangenen 20 Jahren haben reihenweise junge Menschen an den Lehrstühlen für Volksmusik in München und Salzburg studiert und unterrichten seitdem Volksmusik mit viel Können und pädagogischem Gespür. Sie schöpfen aus der jahrzehntelangen Volksmusikpflege. Sie lassen sich allerdings nicht mehr von ihr pflegen.
Die Lehrer und auch die Jugend auf dem Land haben sich „befreit“ von den strengen Vorschriften der Tanzmeister, der Volksmusikpfleger und Trachtenvorstände, die es vielleicht ein bisserl zu gut gemeint haben. Jetzt ist eine selbstbewusste Generation herangewachsen, die mit Hutformen und Leiberlfarben spielt, mit Dirndlgwandstoffen und Volksmusikbesetzungen. Sie tauscht sich aus auf Volksmusikseminaren, die wie Schwammerl aus dem Boden schießen und sie tauscht sich aus im Internet. Facebook ist ein Beschleuniger, der nicht zu unterschätzen ist. Hier tun sich die jungen Leute zusammen, tauschen sich aus, pflegen Identität und Gemeinschaft, weil es so einfach ist. Und damit noch immer nicht genug.

Das „Bundesgwand“

Von Kiel bis zum Bodensee schießen im Moment so viele Oktoberfeste aus dem Boden, dass die bayrischen Musikanten gar nimmer nachkommen mit dem Bespielen. Die Mannsbilder dort tragen Lederhosen, die Frauen Dirndlgwander – und die sind längst nicht mehr so furchterregend, wie sie einmal waren. Die Kleidungsindustrie hat schnell begriffen, worum es geht. In einer Welt, in der alles gleicher und gleicher wird, in der das Bushäusl zwischen Prien und Endorf genauso ausschaut, wie in Florenz oder Paris wächst die Freude am Eigenen neu. In einer Welt, in der via Internet alles zu haben ist, wird das Andere, das Handgemachte wertvoll. Das, was nicht von der Stange kommt, das was nicht in Industrie – und Medienlabors entwickelt und in Milliardenstückzahlen ausgespuckt wird. Drum produzieren oberbayerische Lederhosenhersteller jetzt schon Lederhosen „stonewashed“ – sie schauen von weitem täuschend ähnlich aus, wie echte, handgemachte, abgewetzte Kurze. Die Sehnsucht nach Identität, nach kulturellem Bezug und nach Qualität steckt ganz Deutschland an. Ob das alles etwas mit hoher Qualität zu tun hat, ist freilich fraglich. „Fasching“ sagen viele Oberbayern – aber es ist trotzdem ein bisserl mehr. Es sind vielleicht auch Sehnsüchte nach einem Nationalgefühl, nach einem Dazu- und Zusammengehören, nach einem bundesdeutschen „Mia san mia“ im vereinten Europa. Möge es stets friedvoll bleiben.

Andreas Estner

Andrea Aschauer

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