Bald zu Gast in Prien: „Klangsucher“ Martin Kälberer – Interview

Nach bereits fünf gelungenen Veranstaltungen geht die Musik- und Kabarettreihe „Kulturfrühling Prien“ in die letzte Runde für diese Saison. Den Abschluss macht Martin Kälberer, einer der begabtesten Multi-Instrumentalisten im deutschsprachigen Raum, am Donnerstag, 5. Mai um 20 Uhr im kleinen Kursaal, Alte Rathausstraße 11. In seinem aktuellen Soloprogramm „Suono“ bringt der Künstler instrumentale Forschung und schöpferische Kreativität in Einklang.Herr Kälberer, Ihr neues Soloprojekt trägt den schönen Namen „Suono“ (ital. für „Klang“ und „ich spiele“). Würden Sie sich als Klangforscher oder Klangkünstler bezeichnen?

Klangsucher trifft es vielleicht am besten. Ich war immer schon neugierig und wenn ich etwas höre was mir gefällt, versuche ich herauszufinden wie man diesen Klang erzeugt – um ihn dann selbst spielen zu können.

Was zählt für Sie mehr – die Improvisation oder die notierte Komposition?

Inzwischen definitiv die Improvisation. Früher habe ich auch versucht, meine Kompositionen Note für Note exakt aufzuschreiben, habe mich davon aber fast komplett verabschiedet. Das wichtigste Element in meiner Musik ist inzwischen die Option dass zu jeder Zeit alles passieren kann. Ich liebe es, mich selbst zu überraschen.

Vom Klavier bis hin zu dem Schweizer Instrument „Hang“ – Sie beherrschen ein umfangreiches Instrumentarium wie Ihr aktuelles Doppel-Album nur allzu gut zeigt. „Einklang“ ist ein reines Piano-Album, während auf der „vielklang“-CD ausschließlich Metallinstrumente zu hören sind. Warum diese Aufteilung?

In beiden Konzepten liegt für mich ein besonderer Reiz, sie stellen sozusagen die beiden Pole meines Wirkens und Werkeln dar. Das Klavier war immer mein Hauptinstrument und es war an der Zeit, sich einmal der Herausforderung zu stellen – ein Soloalbum ist sozusagen die Königsdisziplin bei den Pianisten. Andererseits hat sich durch die Begegnung mit dem Hang ein ganz neuer Kosmos aufgetan. Diesen speziellen Sound, kombiniert mit anderen metallischen Klängen, wollte ich einfach auch mal separat erkunden. Auch da war die Reduktion eine besondere Herausforderung.

Sie werden in der Presse oft als Multi-Instrumentalist bezeichnet – können Sie alles spielen, was Sie wollen?

Nein, sicher nicht. Ich habe mir z.B. vor einiger Zeit ein Flügelhorn gekauft, weil ich den Klang unglaublich liebe, stelle aber wieder einmal fest dass ein Blasinstrument einfach Kontinuität braucht, man muss an seinem Ansatz arbeiten, die Muskeln trainieren dass man seinen Sound entwickeln kann – so viel wie ich auf Tournee bin ist das schwer. Es gibt aber viele Instrumente, zu denen ich einen recht schnellen Zugang finde, vor allem wenn ich den Klang den ich hören will bereits im Kopf habe. Ich spiele die meisten Instrumente auch nicht unbedingt so wie „man“ sie gewöhnlich spielt, sondern eher … individuell.

Die CD „einklang“ ist im Wesentlichen auf das Klavier reduziert. Haben Sie zu diesem Instrument die innigste Beziehung?

Ich spiele Klavier seit ich sechs Jahre bin, und ich habe das alte, riesige Ding in meinem Kinderzimmer damals auch auseinander gebaut und bin darin herum gekrochen – ja, das könnte man als innige Beziehung bezeichnen.

Sie wurden 1967 in Ulm geboren, im gleichen Jahr schrieb Joni Mitchell für Judy Collins den Hit „Both sides now“. Bei Ihrer Interpretation des Songs holen Sie sich Unterstützung von der Jazzsängerin Lisa Wahlandt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Ich kenne Lisa schon viele Jahre, wir haben unter anderem zwei CDs mit deutschen Schlafliedern zusammen aufgenommen. Als ich beschlossen habe, „Both Sides Now“ mit aufs Album zu nehmen, kam ich ziemlich schnell darauf, dass Lisa dafür die richtige Interpretin ist. Mit ihrer wunderbar klaren Stimme und ihrer Gabe, großes Können steht leicht und luftig erscheinen zu lassen, ist sie immer eine inspirierende Partnerin.

In dem wunderschön melancholischen Lied werden das Leben und die Liebe von beiden Seiten betrachtet. In Ihrer Version ist es, als würden Sie einem die Zeit geben wollen, um die Liedzeilen in ihrer ganzen Intensität aufzunehmen. Es endet mit „I really don`t know life at all“ – was so viel bedeutet wie „ich habe eigentlich keine Ahnung vom Leben“. Worum geht es Ihnen bei Ihrer Darstellung des Joni Mitchell Songs?

Ich habe schon damals, als ich dieses Lied das erste Mal gehört habe, die große Weisheit dieses Textes bewundert – geschrieben von einer 21-jährigen. Und je länger ich lebe, desto verwunderter bin ich darüber, woher sie das wissen konnte, wie sich das anfühlt, wenn man mit der Zeit erkennt, wie sehr sich das relativiert was man alles zu wissen glaubt, wie sehr die Summe alles Wissens letztlich doch nicht die großen Fragen beantwortet.

Die restlichen sieben Piano-Stücke sind allesamt Eigenkompositionen – woher holen Sie sich die Inspiration? Vielleicht können Sie es Anhand von einem Beispiel erklären?

Ich habe innerhalb von 5 Tagen, in denen ich allein in meinem Studio war, etwa 60 Stücke aufgenommen, die allesamt spontan entstanden sind. Es waren Improvisationen, manchmal habe dann Themen aufgegriffen und variiert. Ich habe dabei versucht, einfach meinen Stimmungen nachzugeben und diese Klang werden zu lassen. Dabei war ich natürlich auch immer beeinflusst von dem was gerade um mich herum passiert. So ist zum Beispiel das Stück „Bualintur“ entstanden, weil ich ein Bild des gleichnamigen Ortes auf der Insel Skye auf den Hebriden als Bildschirmschoner hatte und plötzlich wieder ganz intensiv die Atmosphäre dort gespürt hatte.

Auf der zweiten CD „vielklang“ widmen Sie sich der überraschend vielfältigen und ganz eigenen Klangwelt des Metalls. Was fasziniert Sie so an diesem Material?

Ich habe gemerkt, dass Metallinstrumente eine ganz archaische Wirkung auf die Menschen haben, nicht umsonst werden sie in den verschiedensten Kulturen als spirituelle oder religiöse Instrumente eingesetzt. Der Klang von Gongs, Glocken, Klangschalen und ähnlichem regt an etwas tief in uns drinnen an und bringt es in Schwingung. Das strahlt Ruhe und Entspannung aus. Dies dann in einen musikalischen Kontext zu setzten, wegzugehen von den klassischen „Meditaionsklängen“, das hat mich gereizt. Außerdem habe ich dann gemerkt, dass es da eine enorme Vielfalt gibt, auch Akkordeon, Vibrandoneon, Harmonium und ein selbst gebautes Instrument, bei dem eine lange Klaviersaite mit Bogen und Schlägel bespielt wird, passen in diese Klangwelt.

Das Hang (Berndeutsch für Hand) ist ein sehr außergewöhnliches Instrument. Es wurde vor rund 16 Jahren von Felix Rohner und Sabina Schärer in Bern erfunden. Wie sind Sie auf dieses seltene Musikinstrument gekommen und stimmt es, dass man sich bei den Herstellern für den Kauf bewerben muss?

Werner Schmidbauer hatte das Instrument einmal bei einem Konzert gehört und mir wärmstens ans Herz gelegt. Tatsächlich hat sich herausgestellt dass diese eigenwillige Kombination aus perkussiven Klängen und harmonischer und melodiöser Vielfalt und das intuitive Spiel kommen mir sehr entgegen. Tatsächlich hatten sich die beiden Erbauer des Hang (wie eigentlich alle Bauer von Meisterinstrumenten) irgendwann entschlossen, sich genauer anzuschauen, wem sie ihre Instrumente anvertrauen. Denn leider ist aufgrund der begrenzten Anzahl der Instrumente irgendwann so eine Art Spekulationsmarkt entstanden, das Hang wurde zu absurd überhöhten Preisen weiter verkauft. Dem wollten sie entgegen wirken.

Schmidbauer und Kälberer, das Musiker-Duo ist hierzulande fast jedem ein Begriff. Nach über 20-jähriger Zusammenarbeit soll nun im Juli 2016 Schluss sein. Ist das eine endgültige Entscheidung?

Wir haben nach weit über 1500 gemeinsamen Konzerten entschieden dass es uns nur gut tun kann, mal etwas Luft reinzulassen, eine Pause mit offenem Ende zu machen, zu sehen, was da vielleicht neues entstehen will, wenn man den Automatismus mal unterbricht – der ja fast zwangsläufig auch passiert, wenn eine Sache einen gewissen Erfolg hat. Das „offene Ende“ kann tatsächlich alles bedeuten … vielleicht ist uns in einem Jahr danach, wieder was Gemeinsames auszuhecken, vielleicht geht jeder von uns mal längere Zeit seinen eigenen Weg. Wir sind seit vielen Jahren gute Freunde und werden uns auch weiter regelmäßig sehen und uns austauschen, diese Entscheidung ist von uns beiden in großer Übereinstimmung getroffen worden und keinesfalls aus irgendeinem Streit heraus – wir haben uns noch nie gestritten.

Stimmt es, dass Sie kleinere Bühnen bevorzugen obwohl Sie bereits gemeinsam mit Pippo Pollina und Werner Schmidbauer vor rund 10.000 Menschen in der Arena von Verona gespielt haben? Ein Ort wo Bob Dylan, Sting und viele weiter Größen aus der Musikbranche aufgetreten sind. Dennoch verschlägt es Sie in die kleine Marktgemeinde am Chiemsee?

Klar, an Plätzen wie der Arena di Verona zu spielen ist schon grandios. Zumal wir die ersten deutschsprachigen „Liedermacher“ waren, die überhaupt dort spielen durften. Aber es gibt da kein „besser“ oder „schlechter“, kleine Plätze sind genauso interessant wie große, anders halt. Schön ist, beides machen zu können, wer hat schon dieses Privileg? Und: die „kleine Marktgemeinde am Chiemsee“ liegt ja nun mal direkt vor meiner Haustüre, weswegen ich mich besonders freue, mein Soloprogramm hier präsentieren zu können!

Foto: © Martin Kälberer, SUONO-Tour

 

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Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg