Ansprache beim Gedenken der Wildenwarter Veteranen – im Wortlaut

Mit diesem Beitrag informieren die Samerberger Nachrichten ausfjührlich über den Veteranenjahrtag in Wildenwart-Prutdorf und im Wortlaut zur Ansprache von 1. Vorsitzendem Heinrich Rehberg. „Das Dorf vergisst nichts, im Dorf bleiben die Verstorbenen auch lange Zeit nach ihrem Tod noch gegenwärtig. Wir gedenken der Vertriebenen und Flüchtlinge von 1945. Der Begriff „Heimat“ bekommt für uns heutigen eine ganz neue Dimension, wenn wir uns vorstellen, dass noch vor 70 oder 100 Jahren das Dorf zehn Kilometer weiter schon „die Fremde“ war. Und jetzt sollten sich die Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten viele hundert Kilometer weiter westlich eine Heimat aufbauen?“, so der Vorstand des Wildenwarter Veteranenvereins Heinrich Rehberg bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag. „Das war nicht so einfach, wie man heute tut – wer kann denn heute nachvollziehen, was es heißt, einen vollkommen anderen Dialekt zu sprechen oder evangelisch zu sein in einer rein katholischen Gegend? Doch bereits bei der Erstellung der Gedächtnisplatten für die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden die Gefallenen und Vermissten der Flüchtlinge, die in Wildenwart eine neue Heimat gefunden hatten, wie selbstverständlich in die lange Liste aufgenommen.

Manche Politiker kommen uns derzeit mit falschen Vergleichen, über die Aufnahme der ostdeutschen Vertriebenen von 1945 und 1946. Die damaligen Vertriebenen wurden samt und sonders von Polen, Tschechen und Sowjets mit roher Gewalt aus ihrer Heimat ausgetrieben, in der sie trotz aller Kriegszerstörungen sonst gern geblieben wären. Die Vertriebenen flohen auch nicht in ein reiches, „gelobtes Land“, um besser zu leben. Sie flohen in einen ebenfalls verwüsteten, verarmten Teil ihres eigenen Landes. Ihre Perspektive ergab sich aus ihrer Integrationsfähigkeit, aus ihrem Fleiß und ihrer Fähigkeit, das zerstörte Westdeutschland wieder mit aufzubauen. Es handelte sich damals einerseits um die Flucht innerhalb des eigenen Landes und andererseits um die Aufnahme von Landsleuten“. Heinrich Rehberg ist der ehemalige Direktor des DRK-Suchdienstes in München und erzählte aus der täglichen Arbeit der Einrichtung.

„Wir gedenken der Opfer aller Kriege“ so der zweite Bürgermeister aus Frasdorf Josef Hollinger. „Wir sind wohl die letzte Generation, die noch Zeitzeugen des letzten großen Krieges gekannt hat, erfüllen wir ihr Vermächtnis: Konflikte sollen nie mit Waffen und Blut, sondern stets mit den Mitteln der Diplomatie ausgetragen werden. Wir sind dankbar für die Kultur des Erinnerns, aber Erinnerung braucht nicht nur Orte und Namen, sondern auch Menschen, die sich darum kümmern. Wir brauchen daher unsere Veteranenvereine, die sich um diese Orte und die Menschen kümmern“.

Beim Gedenkgottesdienst in der Wildenwarter Christkönigskirche und beim Libera am Kriegerdenkmal gedachte Pfarrer Walter Kronast der Toten aller Kriege im Gebet. Zum Abschluss der Feierstunde am Kriegerdenkmal legten Bürgermeister Josef Hollinger und Veteranenvorstand Heinrich Rehberg Kränze für die Opfer der Kriege und Gewalt, von Flucht und Vertreibung nieder. Die Gedenkveranstaltung, umrahmt von der Blaskapelle Wildenwart unter der Leitung von Sebastian Graf, endete mit dem Kanonensalut und dem Lied vom Guten Kameraden.

Ansprache von 1. Vorsitzendem Heinrich Rehberg:

Volkstrauertag 2016

108 Namen sind auf den vier Tafeln in der Kriegergedächtniskapelle hinter mir verzeichnet. 34 Wildenwarter kehrten aus dem Krieg von 1914/18 nicht mehr zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auf zwei weiteren Tafeln die 74 Gefallenen und Vermissten aus den sechs Jahren zwischen 1939 und 1945 erfasst Seit knapp 90 Jahren steht unser Kriegerdenkmal als Kriegergedächtniskapelle hier in Prutdorf, im Herzen der alten Gemeinde Wildenwart zwischen Hendenham und Siggenham, es wird von allen Vereinen gemeinsam genutzt. Am 17. Mai 1928 wurde es eingeweiht, im übernächsten Jahr feiern wir seinen 90. Geburtstag. Kriegergedächtniskapelle, zum Andenken an die Söhne des Dorfes, das und nichts anderes will das steinerne Gedächtnis unseres Dorfes unser Kriegerdenkmal, unsere Kriegergedächtniskapelle sein.

Ein Kriegerdenkmal ist der Versuch der Allgemeinheit, den trauernden Angehörigen mit einem leeren Grab und einem Gedenkstein einen Ort der Trauer und des Gedenkens zu geben, an der sie ihre ganz persönliche Trauer, ihre Gefühle und ihr Gedenken pflegen können. Abschied nehmen zu können, einen Ort der Erinnerung zu haben – dies sind tiefe menschliche Grundbedürfnisse. Trauer ist etwas ganz persönliches und setzt eine persönliche Bindung voraus.

Eine Kulturnation ehrt die Gefallenen des Gegners wie die eigenen. An allen Gedenktagen erinnern wir über unsere eigenen Toten hinaus auch an die Opfer anderer Völker und die der einstigen Kriegsgegner, über die Gräber hinweg sind alle gleich. Wir erinnern an sie – aber wir trauern nicht um sie, denn Trauer erfordert die persönliche Bindung. Die Begriffe Trauer und Betroffenheit werden in unserer Zeit geradezu inflationär verwendet. Alles wird miteinander vermischt und gerade im Bereich der Erinnerungskultur wird eifrig dem Zeitgeist und einer allgemeinen undefinierten Friedenssehnsucht gehuldigt

Heute begehen wir Wildenwarter den Volkstrauertag:

  • Wir gedenken der gefallenen Soldaten des 1. Weltkriegs, der vor 100 Jahren durch Europa tobte und auch der überlebenden Soldaten, die wieder heimgekommen sind – und nie mehr die alten geworden sind.
  • Wir gedenken der gefallenen und vermissten Soldaten des 2. Weltkrieges, der vor über 70 Jahren zu Ende war und auch der überlebenden Soldaten, die wieder heimgekommen sind –und nie mehr die alten geworden sind.
  • Jeder Soldat war auch Sohn, Ehemann, Freund oder Vater. Zu jedem dieser Soldaten gehörte eine Mutter, ein Vater, eine Ehefrau, eine Freundin oder ein Kind. Die, die in den Kriegen gekämpft und sich gegenseitig getötet haben, die waren wie wir, die Älteren unter uns hätten sie alle noch persönlich gekannt, die wären sehr viel lieber mit Freunden, Braut oder Bräutigam, Geschwistern und Eltern in Freude aufgewachsen und hätten ihren Spaß am Leben gehabt
  • Opfer waren auch die Frauen, die daheimgeblieben das Leben allein stemmen mussten – sie mussten – aufs Äußerste gefordert – oft alleingelassen, sich um Kinder, alte Eltern, um den Hof, um die Arbeit kümmern.
  • Opfer auch die Kinder, die beschützt und voller Liebe aufwachsen sollten. Ihr Leben lang haben diese Kriegskinder die Sicherheit vermisst, die nur unversehrte Eltern geben können.
  • Wir gedenken der Vertriebenen und Flüchtlinge von 1945. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue Dimension, wenn wir uns vorstellen, dass noch vor 70 oder 100 Jahren das Dorf zehn Kilometer weiter schon „die Fremde“ war. Und jetzt sollte eine Heimat viele hundert Kilometer weiter westlich aufgebaut werden? Das war nicht so einfach, wie man heute tut – wer kann denn heute nachvollziehen, was es heißt, einen vollkommen anderen Dialekt zu sprechen oder evangelisch zu sein in einer rein katholischen Gegend? Doch bereits bei der Erstellung der Gedächtnisplatten für die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden die Gefallenen und Vermissten der Flüchtlinge, die in Wildenwart eine neue Heimat gefunden hatten, wie selbstverständlich in die lange Liste aufgenommen.
  • Manche Politiker kommen uns mit falschen Vergleichen, so z. B. mit der Aufnahme der ostdeutschen Vertriebenen von 1945 und 1946. Die damaligen Vertriebenen wurden samt und sonders von Polen, Tschechen und Sowjets mit roher Gewalt aus ihrer Heimat ausgetrieben, in der sie trotz aller Kriegszerstörungen sonst gern geblieben wären. Die Vertriebenen flohen auch nicht in ein reiches, „gelobtes Land“, um besser zu leben. Sie flohen in einen ebenfalls verwüsteten, verarmten Teil ihres eigenen Landes. Ihre Perspektive ergab sich aus ihrer Integrationsfähigkeit, aus ihrem Fleiß und ihrer Fähigkeit, das zerstörte Westdeutschland wieder mit aufzubauen. Es handelte sich damals einerseits um die Flucht innerhalb des eigenen Landes und andererseits um die Aufnahme von Landsleuten.
  • Wir gedenken aller Männer, Frauen und Kinder, die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt wurden.
  • Und wir gedenken hier und heute der 106 Bundeswehrangehörigen, die seit 1992 bei Auslandseinsätzen in aller Welt ums Leben gekommen sind

Der Volkstrauertag bezieht sich nicht auf längst vergangene Zeiten, nicht auf die Mitglieder des Veteranenvereins, er bezieht sich auf Euch alle! Dieser Volkstrauertag geht alle was an, die hier sind – er geht alle Wildenwarter etwas an.

„Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorne“,
(Gabriel Marcel, französischer Philosoph)

Müssen denn die Toten schweigen? Die Opfer, derer wir hier gedenken, sollen uns auch mahnen, aufzupassen; aufzupassen, was heute um uns herum geschieht.

Denn wir müssen leider auch heute erleben, dass es einige schaffen, mit hasserfüllten Reden eine viel zu große Schar an Anhängern aufzupeitschen, die ihnen gedankenlos folgen, den Hass aufnehmen und weitertragen.

Wir wollen diesen Volkstrauertag zum Anlass nehmen, dass die Toten nicht schweigen. Wir wollen durch die Erinnerung die vielen Toten und Opfer zum Reden bringen – sie sollen und wollen uns mahnen, aufzupassen!

Noch ein Zitat: „Es ist schön, in Frieden zu ruhen, aber es ist besser, in Frieden zu leben.“

Wirklicher Friede ist niemals sicher – er muss immer wieder neu gewonnen werden

Dieser eine Tag im Jahr soll uns weiterhin erinnern an die Männer, Frauen und Kinder, die ihr Leben leben wollten und deren Leben durch die Furie des Krieges ganz abrupt beendet wurde.

Anton Hötzelsperger

Nachrichten

Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg