100 mal mit dem Mountainbike über die Alpen

Der Samerberger Peter Brodschelm ist als Mountainbikeführer seit 17 Jahren weltweit unterwegs. Der 45jährige ist jetzt, eigenen Angaben zu Folge, rekordverdächtige 100 mal über den Alpenhauptkamm gefahren.Alles begann 1998, als der ehemalige Radrennfahrer nach Beendigung seiner Karriere, seine Passion zum Beruf macht. Ein Reiseunternehmen für Mountainbiker soll es werden. Zusammen mit seinem Spezl aus Rennfahrerzeiten radelt er vom Samerberg los in Richtung Süden. Es geht dabei keineswegs auf ordentlichen Wegen, denn als Mountainbiker ist man schließlich „Geländeradsportler“. Mit Hilfe von Wander- und Freizeitkarten suchen die beiden nach den bestmöglichen Pfaden für ihr Abenteuer. Digitale Karten, GPS oder Google gab es nicht. Bereits am ersten Abend erreichen sie nach über 140 Kilometern „geländefahren“ Hintertux. Als ehemalige Leistungssportler sind sie lange Distanzen gut gewöhnt. Täglich wird mehr oder weniger ohne Pause von früh bis spät durchgefahren, aber immer wieder müssen sie umdrehen, weil sie in unfahrbare Abschnitte geraten, oder einfach auch den falschen Weg einschlugen. Bereits nach nur 3 ½ Tagen erreichten die zwei das Ziel am Gardasee, hundemüde, aber glücklich.
Diese erste komplette Alpenüberquerung war für Peter Brodschelm der Beginn einer unglaublichen Geschichte. Er gründet mit seiner Freundin ein mittlerweile renommiertes Radreiseunternehmen, und fährt von nun an mehrmals im Sommer auf immer wieder neuen Strecken über die Berge in den Süden. „Es ist wie eine Sucht – die vielen Naturerlebnisse, das Kennenlernen neuer Regionen und Menschen mit deren Lebensart, die körperlichen Herausforderung und der Fahrspaß, sind eine gefährlich schöne Mischung“, so Brodschelm. Man könne nur davon schwärmen. Vielen seiner mitfahrenden Gäste scheint es ähnlich zu gehen, denn das Unternehmen wächst und Brodschelm fährt. Zwischenzeitlich sucht der ehemalige Rennfahrer auch auf anderen Kontinenten nach fahrbaren Pfaden, sogenannten Trails. Mehrmals reist er nach Chile und Argentinien, Nepal, Neuseeland, Vietnam oder Südafrika, um auch dort nach neuen Bike-Erlebnissen zu suchen. Teilweise fährt er zudem in starken Saisonen bis zu 12-mal über die Alpen und macht „nebenbei“ zahlreiche kurze Wochenendtouren. Jede Alpenüberquerung aber dauert mindestens eine Woche. „Oftmals bin ich nach 7 Tagen am Ziel angekommen, habe mich nach dem Abendessen von meiner Gruppe verabschiedet und bin über Nacht mit dem Auto zurück gefahren, um in der Früh die nächste Gruppe zu begrüßen“. Langeweile schien dabei nie aufzukommen, denn jede Gruppe sei anders, jede Strecke habe andere Reize. Für zwischenmenschliche Probleme innerhalb einer solchen Gruppenreise, helfe eine gesunde Portion Humor und über die Jahre erworbene Sozialkompetenz. Diese müsse man aber auch von Haus aus im Blut haben, sonst werde es nichts. Der Berg habe für alle die gleiche Steilheit oder Schwierigkeit und wird nicht flacher, weil man ein „besserer“ Mensch sei als ein anderer in der Gruppe, so der Rekord-Bikeguide.
Schutzlos der Natur ausgeliefert. Mit die gefährlichsten Situationen waren plötzliche Gewitter oder extremer Nebel mit Regen. „Ich musste es mehrmals miterleben, dass wir bei Blitz und Donner flach auf einer Bergwiese in der Pfütze lagen und beteten, dass das gut geht. Zuvor musste man die oft unbedarften Mitfahrer von der Gefahr eines Unwetters überzeugen und sie zu höherem Tempo antreiben, – danach hatten alle Tränen in den Augen und keine Sorgen mehr.“ Manche Schön-Wettervorhersage hat sich über Nacht sogar im August in Schnee aufgelöst, so dass einmal am Pfitscher Joch auf 2275 Metern die Türe der Schutzhütte nur noch mit Mühe zu öffnen war. Beinahe 1 Meter Schnee gab es über Nacht. Eine Abfahrt schien über Tage aussichtlos. Durch die gute Ortkenntnis konnte Brodschelm die Gruppe samt Räder bis ins Tal bei Sterzing führen. „Alle waren komplett aufgeweicht und durchgefroren, denn die letzten 500 Höhenmeter Abfahrt fuhren wir bei Schneeregen und im totalen Eismatsch“. Immer wieder stellt er und seine Kollegen fest, dass trotz fortschreitender Technik wie den GPS Geräten, nichts eine gute Ortskenntnis ersetzen kann. Jede Tour wird daher vor der Erstbefahrung mit Gästen regelrecht auswendig gelernt. „Bei starkem Regen im Hochgebirge, bei fünf Meter Sicht, in einer Wolke kann man sonst nicht erkennen: gehe ich noch auf dem Weg, oder bin ich schon in einem Bachbett!“ Viele Touren beginnen am Bayerischen Alpenrand und führen über Schotterwege, und auf alten Schmugglerpfaden oder Kriegswegen in den Süden. Eine besondere Herausforderung ist auch die Strecke längs der Alpen, etwa von Salzburg bis Nizza. Alleine für eine solche, aufwändige Unternehmung brauche man drei bis vier Wochen Zeit. Die Technik der Mountainbikes erlaubt von Jahr zu Jahr sicherere Fahrten auf schier unpassierbaren Wegen. Die Räder sind hochtechnisch und verfügen über erstklassige Fahrwerke und stabile, aber leichte Laufräder mit breiteren, griffigen Reifen, hydraulischen Scheibenbremsen und versenkbaren Sattelstützen. Auch die Bekleidungs- und Rucksackindustrien haben sich für die neue Spezies „Mountainbiker“ neu erfunden. Durch die enorme Erfahrung Brodschelms frägt die Industrie immer wieder nach dem Praxis Know How des Dauerbikers. Es werden Reifen getestet, Schuhe entwickelt, Hosen neu geschnitten, um der neuen Bike-Reise Entwicklung optimale Produkte zu präsentieren.
Mit modernsten Bikes ausgerüstet erfüllt sich Brodschelm 2015 seinen lange ersehnten Traum: Er startet seine 100ste Jubiläums-Transalp zusammen mit seinem 13-jährigen Sohn. Für diesen ist es seine erste mehrtägige Tour überhaupt. Zunächst geht es mit dem Zug gemütlich ins Inntal, um dann über Landeck nach Ischgl zu fahren. Über den 2608m hohen Fimberpass erreichen sie die Schweiz. Weiter zur italienischen Enklave Livignio und zum Berninapass und schließlich nach 6 anstrengenden Tagen über Bormio, am Ortler vorbei zur Brenta und zum klassischen Ziel am Gardasee. Der Junge hatte bisher fahrtechnisches Geschick im heimischen Bikepark erlernt, zeigt aber auch auf den kilometerlangen Trails des Alpenhauptkamms, dass er schon beim Vater mithalten kann. Wie lange Brodschelm noch über die Alpen radeln wird, weiß er noch nicht, und meint: „So lange es Spaß macht“.

Anton Hötzelsperger

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Freier Journalist, Leiter der Gäste-Information Samerberg